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priamos 1,2
PRIAMOS 1,2 1. Letzter Dardanidenkönig von Troia. Ein Sohn des Laomedon 1; sein Stammbaum Ilias 10,230ff: „Erichthonios zeugte den Tros als Herrn für die Troer; Tros hingegen ward Vater von drei untadligen Söhnen, Ilos, Assarakos und Ganymedes, dem göttlichen Jüngling, der an Schönheit die sterblichen Menschen weit überragte; ihn entführten die Götter als Weinschenken für den Kroniden, seiner Schönheit wegen; er sollte die Götter beglücken. Ilos ward Vater des Laomedon, des trefflichen Helden, und Laomedon zeugte Tithonos, Priamos, Lampos, Klytios und Hiketaon als letzten, den Sprößling des Ares.“ [Homer: Ilias. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 5277 (vgl. Homer-W Bd. 1, S. 382-383) (c) Aufbau-Verlag] Als Mutter werden genannt: Strymo, die Tochter des Skamandros, bei Hellanikos frg. 139, Leukippe 2, bei Pherekydes FHG frg. 99, Alkman frg. 113 nennt sie Zeuxippe 3 und Thoosa 2, die Tochter des Teukros 1, nach Skamon. Plakia, die Tochter des Otreus 1 (Atreus), Apollodor 3,146, ….. Die sprachwissenschaftliche Erklärung für den Namen Priamos ist umstritten. Eine eindeutige Erklärung gibt es nicht. Um seinen Namen zu erklären wurde, überliefert von Diodor, eine schöne Geschichte erfunden und an die Überlieferungen der Ilias und den nachfolgenden Werken eingefügt: Die Schar der olympischen Götter wollte Zeus stürzen und fesselte ihn; Ilias 1,399. Thetis verriet das Vorhaben und befreite ihn. Zur Strafe ‚verdonnerte‘ Zeus seinen Sohn Apollon und seinen Bruder Poseidon zu einem Jahr knechtliche Arbeit bei Laomedon 1. Gleichzeitig wollte Zeus nämlich dessen Frevelmut erproben. Die beiden Götter besprachen sich mit Laomedon und versprachen ihm die Errichtung einer großen Mauer um die Stadt Troia. Für diese Leistung versprach ihnen Laomedon die unsterblichen Pferde die Zeus seinem Großvater als Ausgleich für die Entführung des Ganymedes geschenkt hatte. Bald war das Jahr vorbei und die Mauer errichtet. Nun forderten die beiden Götter den versprochenen Lohn. Aber Laomedon verhöhnte sie, jagte sie fort und drohte ihnen die Ohren abzuschneiden oder sie gefesselt als Sklaven zu verkaufen. Wütend schickte Apollon Troia die Pest, Poseidon schickte ein Meeresungeheuer, ein Riesenvieh, das das Land zerstörte. In ihrer Not befragten die Troier das Orakel und erhielten den Auftrag Hesione 4, die älteste Tochter des Laomedon, dem Drachen zum Fraß vorzuwerfen. Der Vater erschrak entsetzlich. In dieser Situation erschien Herakles der sich gerade auf dem Weg zu den Amazonen befand, um diese streitbaren Frauen niederzukämpfen In seiner Verzweiflung bat der König den Herakles um Hilfe und versprach ihm für die Tötung des Ungeheuers die schon einmal dem Apollon und dem Poseidon versprochenen göttlichen Pferde und dazu Hesione, seine Tochter. Ohne zu zögern sprang Herakles in den Rachen des Ungeheuers (vergleiche mit Jonas) und tötete es von innen. Obwohl Podarkes, der jüngste Sohn des Laomedon, seinen Vater bat Herakles nicht zu betrügen (nach Diodor 4,32,5), verhöhnte der König auch den Retter seiner Tochter und verweigerte die Herausgabe des versprochenen Lohnes. Nicht ohne vorher Rache zu schwören zog Herakles ab. Nach dem siegreichen Kampf gegen die Amazonen kehrte er nach Troia zurück, zerstörte die Stadt, tötete Laomedon und bis auf Podarkes alle seine Söhne. Die von ihm befreite Hesione vermählte er mit Telamon, seinem besten Freund. Als Herakles der jungen Braut anbot einen Gefangenen freizukaufen nahm sie ihren mit Gold durchwirkten Schleier (Tzetzes Lykophron 337) als Kaufpreis und kaufte damit ihren Bruder frei. Podarkes nannte man daraufhin Priamos, „der Freigekaufte“ (priamai = kaufen). Auf einem Gemälde in Pompeji ist dieser Freikauf dargestellt. Als einziger überlebender Sohn des Laomedon setzte ihn Herakles als Nachfolger des Vaters und damit als neuen König von Troia ein. Bei Seneca Troades 719ff, bei Dictys und Hygin war Priamos noch ein Kind als er zum König erhoben wurde. ….. In jungen Jahren hat Podarkes, wohl im Auftrage seines Vaters, an einem Kampf gegen die Amazonen teilgenommen; Ilias 3,184ff: „…………………….Der Alte sah ihn bewundernd und sagte: »Seliger Sohn des Atreus, Glückskind, vom Daimon begnadet, ja, in großer Zahl gehorchen dir griechische Helden! Ich auch zog nach Phrygien schon, der Heimat der Reben; da erblickte ich zahlreiche Phryger beim Tummeln der Rosse, Kriegsvolk des Otreus und des den Göttern ähnlichen Mygdon, die am Steilufer des Sangarios Lager bezogen; wurde ich doch zu ihnen gezählt als Bundesgenosse, als die Amazonen angriffen, tapfer wie Männer - so viel waren es nicht wie die mutig blickenden Griechen!«“ [Homer: Ilias. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 4701 (vgl. Homer-W Bd. 1, S. 53 ff.) (c) Aufbau-Verlag] Nach dem erfolgreichen Kampf erhielt er von den Thrakern jenen goldenen Becher der Bestandteil jener Schätze war die er Jahrzehnte später dem Achilleus anbot um den Leichnam seinen Sohnes Hektor freizukaufen, Ilias 24,234: „Damit öffnete er die prächtigen Deckel der Truhen. Ihnen entnahm er zwölf herrliche Kleider, zwölf einfache Mäntel, ebenso viele wollene Decken, die nämliche Anzahl trefflicher Leinengewebe, zu diesen zwölf Leibröcke; brachte goldne Talente, zehn im ganzen, nach redlichem Wiegen, weiter zwei schimmernde Dreifüße, auch zwei Kessel und einen prachtvollen Becher, den ihm, als einem Gesandten, die Thraker schenkten, ein kostbares Stück; auch diesen ließ der betagte König nicht liegen im Schloß, so sehnte er sich nach dem Freikauf seines geliebten Sohnes.“ [Homer: Ilias. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 5412 (vgl. Homer-W Bd. 1, S. 459-460) (c) Aufbau-Verlag] ….. Nach dem Wiederaufbau der durch Herakles zerstörten Stadt wurde Priamos ein mächtiger König; Ilias 24,543ff: „Dir auch, Alter, lächelte einstmals das Glück, wie wir wissen; Lesbos, der Wohnsitz Makars, im Süden - landeinwärts die Phryger -, westwärts der endlose Sund der Helle: in dieser Begrenzung warst du der Erste an Macht wie am Reichtum prächtiger Söhne.“ [Homer: Ilias. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 5428 (vgl. Homer-W Bd. 1, S. 468 ff.) (c) Aufbau-Verlag] Die Ilias kennt noch das kilikische Theben, Lesbos, Pedasos und Lyrnessos als Teile seines Machtbereiches. Apollodor epit 3,33 nennt noch weitere Städte und Strabon den Küstenstrich zwischen Kyzikos und Hermos. Sein Reichtum war sagenhaft. Besonders sein Goldschatz wird immer wieder erwähnt. Auch sein Palast war prachtvoll; Ilias 6,242ff: „Er gelangte zum herrlichen Schlosse des Königs. Es war mit glänzenden Säulenhallen geschmückt; im Inneren lagen fünfzig Gemächer aus kunstvoll geglättetem Marmor, das eine neben dem andern errichtet. Dort pflegten des Priamos Söhne an der Seite der Gattinnen ihre Ruhe zu halten. Für die Töchter befanden sich an der entgegengesetzten Seite des Hofes zwölf geschlossene Räume aus gleichfalls glänzendem Marmor, nebeneinander. Dort pflegten, bei ihren sittsamen Frauen, die Schwiegersöhne des Königs zu ruhen. In dem Hof kam ihm die gütige Mutter entgegen, führte gerade die hübscheste Tochter hinein, Laodike.“ [Homer: Ilias. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 4800 (vgl. Homer-W Bd. 1, S. 112 ff.) (c) Aufbau-Verlag] ….. Vergil ließ den König Priamos vor dem troianischen Krieg seine Schwester Hesione auf der Insel Salamis besuchen; Aeneis 8,152ff: „Derart sprach er. Euander hatte schon lange des Sprechers Antlitz und Augen, die ganze Erscheinung mit Blicken gemessen. Kurz nur entgegnete er: »Sehr gern, du tapferster Teukrer, biete ich Aufnahme dir und erkenne dich an! Ich erinnre mich noch der Worte, der Stimme, der Miene des großen Anchises! Weiß ich genau doch, wie Priamos, Sohn des Laómedon, seine Schwester Hesíone aufsuchte, die in Salamis herrschte, anschließend dann in die rauhen Berge Arkadiens reiste. Damals umkeimte der erste Bartflaum die Wangen mir. Staunend sah ich die Fürsten der Teukrer, staunend auch Priamos selber; stattlicher aber als sämtliche anderen ragte Anchises. [Vergil: Lied vom Helden Aeneas. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 17844 (vgl. Vergil-W, S. 330 ff.) (c) Aufbau-Verlag] ….. Ausgehend von der Ilias wird Priamos in der Literatur nur als alter, gutmütiger, aber bereits schwacher und von seinen vielen Söhnen beherrschter machtloser König dargestellt. In der nachhomerischen Zeit bis in die römische Literatur gaben ihm die Tragiker in ihren leider meist verschollenen Werken öfters die Hauptrolle. ….. Er besaß, was ihn als orientalischen Fürsten erkennen lässt, einen Harem, war mit Arisbe 3, Laothoe 3 und Hekabe 1 verheiratet und hatte viele Nebenfrauen, u. a. Alexirrhoe und Kastianeira. Von seinen Ehe- und Nebenfrauen und einigen außerehelichen Beziehungen soll er, die in der Literatur vorkommenden Zahlen variieren beträchtlich, bis zu 60 Kinder gehabt haben; 77 Namen werden genannt. Noch jung heiratete er Arisbe 3, aber nach der Geburt seines ersten Sohnes schenkte er sie seinem Verbündeten Hyrtakos und heiratete Hekabe 1. Sie wurde seine Hauptfrau und schenkte ihm 19 Söhne; Ilias 24,495ff: „Fünfzig Söhne besaß ich, als die Achaier zu Felde zogen; neunzehn von ihnen entstammten dem Schoße der Gattin, während mir Nebenfrauen im Hause die andern gebaren.“ [Homer: Ilias. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 5426 (vgl. Homer-W Bd. 1, S. 467) (c) Aufbau-Verlag] Hekabe hat auch alle Kinder von Priamos´ Nebenfrauen aufgezogen. ….. Mit der Geburt des Paris, dem zweitgeborenen Sohn von Hekabe und Priamos, begann das Unheil, das in der Form des troianischen Krieges über das Geschlecht des Priamos und die Stadt Troia und ihren Einwohnern hereinbrach. Die Kyprien kennen schon den Feuertraum der Hekabe vor der Geburt des Paris. Während sie mit Paris schwanger war hatte sie einen furchtbaren Traum: Sie werde ein Feuer gebären, das Troia verbrennen werde; Apollodor 3,148. Aisakos 1, der prophetische Sohn des Priamos von Arisbe, weissagte, dass das Kind, das geboren werde, Trojas Untergang verursachen werde und empfahl, es sofort zu töten. Priamos übergab den neugeborenen Knaben seinem Hirten Agelaos 6 mit dem Befehl, das Baby am Berg Ida auszusetzen. Acht Tage nach der Aussetzung fand Agelaos das Kind wieder, kreuzfidel, eine Bärin hatte es gesäugt. Er nahm es mit in seine Hütte, gab den Knaben als sein eigenes Kind aus und zog ihn auf. Paris entwickelte sich zu einem wunderschönen starken Jüngling. Die Tapferkeit, mit der er die Herden gegen Räuber und wilde Tiere verteidigte, brachte ihm den Namen Alexandros (Verteidiger der Menschen) ein. König Priamos, jahrelang vom schlechten Gewissen gepeinigt, setzte Leichenspiele für ein früh verstorbenes Kind an und versprach als Siegespreis den schönsten Stier aus der Herde die von Paris bewacht wurde. Um das schöne Tier nicht zu verlieren, meldete sich Paris zu den königlichen Spielen und gewann alle Wettbewerbe. Wütend wollten die Söhne des Priamos diesen dahergelaufenen Hirten töten. Doch Paris flüchtete an den Altar des Zeus (Asyl). Kassandra, seine Schwester, eine Seherin, erkannte ihn als jenes Kind, für das die Leichenspiele veranstaltet wurden. Mit viel Freude nahm man ihn in die Familie des Königs auf. Er heiratete Oinone, die Nymphe einer Quelle, und führte ein genüssliches Leben. Der Traum der Hekabe und die Weissagung des Aisakos wurden vergessen. ……… Als Paris eines Tages gemütlich am Berge Ida seine Herde bewachte kamen vier Gestalten geflogen, die drei Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite und Hermes der Bote der Götter. Hermes erklärte ihm, dass er im Auftrage des Zeus Juror der ersten Misswahl des Weltenlaufes sein müsse und der schönsten der drei Göttinnen den mitgebrachten goldenen Apfel als Preis zu übergeben habe. Paris erschrak fürchterlich und wollte fliehen, doch Hermes hielt den Verängstigten fest. Die Göttinnen vergaßen die göttliche Würde der Frauen. Sie schmückten und parfümierten sich, poposten und buhlten, tänzelten einmal nackt und einmal angezogen vor ihm und versuchten den Schönen zu bestechen. Hera versprach ihm die Weltherrschaft, Athene, dass er alle Kriege gewinnen werde, Aphrodite aber versprach ihm die Liebe der Helena, der Gattin des Menelaos, der schönsten Frau der Welt. Natürlich überreichte er der Aphrodite den goldenen Apfel. Weil er dazu noch Hera und Athene mit dummen Äußerungen beleidigte, begannen beide Paris zu hassen und mit ihm seine Heimatstadt und beschlossen auf der Stelle seinen Tod und den Untergang von Troia. Begeistert kehrte er in den väterlichen Palast zurück und erklärte seiner Frau Oinone und seiner Familie, er müsse sofort nach Sparta um Helene zu holen. Kassandra, seine Schwester, sein Bruder Helenos 1, beide hatte die Gabe der Voraussehung, und seine Frau, sie hatte die Seherkunst bei Rhea gelernt, prophezeiten ihm seinen Tod und den Untergang Troias, wenn er Helena ihrem Mann entführen werde. Doch Himeros, der Gott der Liebessehnsucht, hatte ihn im Auftrage von Aphrodite bereits fest im Griff. Trotz heller Aufregung am Hofe des Priamos und innigster Bitten seiner Frau schiffte er sich nach Sparta ein, raubte Helena und floh mit ihr nach Troia. Vom König wurden beide freundlich empfangen; Dictys I 7f und Dares 11. Nach diesem Raub einer verheirateten Frau schickten die Griechen eine Gesandtschaft nach Troia um Helena zurückzufordern; Ilias 3,191ff: „Dann erblickte der Alte den Helden Odysseus und fragte: »Sage mir jetzt noch, bitte, mein Kind: Wer ist dort der Grieche, ragt nicht so hoch mit dem Haupt wie der Atreussohn Agamemnon, breiter jedoch sind Schultern und Brust, ganz deutlich zu sehen! Seine Waffen liegen auf der nährenden Erde, doch er selber durchstreift, ein Leitbock, die Reihen der Männer. Wirklich, er kommt mir vor wie ein Widder mit wolligem Vliese, der die riesige Herde von leuchtenden Schafen durchschreitet.« Helena gab ihm, die Tochter des großen Kroniden, zur Antwort: »Dieser Mann ist der Sohn des Laërtes, der kluge Odysseus, der im Gebiete der felsigen Insel Ithaka aufwuchs. Er versteht sich auf mancherlei Listen und kluge Entwürfe.« Das bestätigte ihr der besonnene, kluge Antenor: »Wirklich, Herrin, es stimmt genau, was du da berichtest. Kam doch schon einmal der edle Odysseus hierher, als Gesandter, deinetwegen, mit Menelaos, dem Liebling des Ares. Gastlich nahm ich sie auf und umsorgte sie eifrig im Hause, nahm das Äußre der beiden wie ihre Klugheit zur Kenntnis. Als sie auftraten in der Versammlung der Troer, da ragte, wenn sie standen, hervor Menelaos an Breite der Schultern. Saßen sie beide, bewirkte Odysseus den stärkeren Eindruck. Als sie ihr Sinnen und Planen vor der Versammlung enthüllten, sprach Menelaos in raschem Fluß, nur wenige Worte, aber weithin vernehmlich, gar nicht geschwätzig, mit jedem Ausdruck treffend; freilich, er war auch jünger an Jahren. Doch der kluge Odysseus stand, sobald er zum Reden sich erhob, und hielt den Blick auf den Boden geheftet, drehte auch nicht das Zepter nach vorn oder hinten, nein, ohne Regung hielt er es fest; er wirkte verlegen, man konnte ihn als mürrisch ansehen oder als ziellosen Dummkopf. Ließ er indes aus der Brust die gewaltige Stimme erschallen, Worte in dichtem Schwall, wie Schneegestöber im Winter, so nahm schwerlich ein anderer Mensch es auf mit Odysseus. Solches hatten, bei seinem Anblick, wir gar nicht vermutet.«“ [Homer: Ilias. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 4702 (vgl. Homer-W Bd. 1, S. 54 ff.) (c) Aufbau-Verlag] Der Rat der Troier, bedroht von Paris und den anderen Söhnen des Priamos, lehnten die Rückgabe der Helena ab. Ovid met. 13,196ff: „Auch zu der ilischen Burg als mutiger Sprecher gesendet Ging ich und sah und besuchte den Rat des stattlichen Troja. Voll noch war von Männern das Haus. Dort führt ich die Sache Furchtlos, die mir vertraut die Gesamtheit griechischer Stämme. Paris zeih ich der Schuld, und den Raub samt Helena fordr ich. Priamus hört mich bewegt und Priamus' Schwager Antenor; Paris jedoch und die Brüder mit ihm und die Helfer des Raubes Hielten mit Mühe - du weißt, Menelaus - die frevligen Hände. Der Tag einte zuerst mit den deinigen unsre Gefahren.“ [Ovid: Verwandlungen (Metamorphoses). Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 13033 (vgl. Ovid-W Bd. 1, S. 311 ff.) (c) Aufbau-Verlag] Unverrichteter Dinge kehrten Menelaos und Odysseus nach Griechenland zurück. Die Griechen, gebunden an einen Eid, erklärten Troia den Krieg. ….. Fünfzig Tage dieses zehn Jahre dauernden grausamen Krieges beschreibt Homer in seiner Ilias. Als König der angegriffenen Stadt ist der alte Priamos eine der Hauptfiguren. Das Kommando im Krieg führt aber sein ältester Sohn Hektor. Gleich nach der Ankunft der Griechen gab es an der Küste eine erste unentschiedene Schlacht. In diesen Zeitabschnitt baute Euripides die Geschichte mit dem thrakischen König Polymestor 1 ein: Beim Ausbruch des Krieges schickte König Priamos aus Gründen der Sicherheit seinen jüngsten Sohn Polydoros 4, ausgestattet mit viel Gold, zu seinem Schwiegersohn und Freund Polymestor 1, dem König von Thrakien. Nach dem Untergang von Troia ermordete Polymestor des Goldes wegen seinen Schützling. Euripides „Hekabe“: Schiffslager der Griechen an der Küste der Thrakischen Chersones. Im Vordergrund die Zelte und Hütten der kriegsgefangenen troischen Frauen. POLYDOROS (als Schatten heranschwebend.) Gekommen bin ich von der Gruft der Toten und dem Tor der Nacht, wo Hades wohnt, den Göttern fern, ich, Polydoros, Sohn der Hekabe, der Tochter des Kisseus, und des Priamos, der mich, als durch den Griechenspeer die Phrygerstadt zu fallen drohte, vor Angst aus Troja heimlich schickte in das Haus des Polymestor, der sein Gastfreund war in Thrakien, der auf der Chersones das beste Land bebaut und ein vorzüglich Reitervolk im Kampfe führt. Und vieles Gold gab mir der Vater mit im stillen, auf daß, wenn einmal Trojas Mauern fallen sollten, die Söhne, die noch lebten, keinen Mangel litten. Ich war der jüngste Sohn des Priamos: Deshalb hat er mich heimlich fortgeschickt. Ich konnte ja nicht Schild noch Speer mit meinem jungen Arme tragen. Solange nun der Heimat Mauern aufrecht standen und ungebrochen Trojas Türme waren und mein Bruder Hektor siegreich sich im Kampfe hielt, wuchs trefflich bei dem Thraker, meines Vaters Gastfreund, ich auf, gleich einem Schößling, gut gepflegt, ich Armer! Doch als vernichtet Troja war und Hektors Leben, des Vaters Herd zerstört und selber er gestürzt am gotterrichteten Altar, gemordet von dem blutbefleckten Sohne des Achilleus, da erschlug mich Unglücklichen, um des Goldes willen, des Vaters Gastfreund, warf mich nach der Tat ins Meer, damit er selbst das Gold in seinem Haus besäße. Bald liege ich am Strand, bald in der Meeresbrandung, oft hin und her geschleudert von den Wogen, nicht beweint und ohne Grab. Jetzt schwebe ich zu Häupten der teuren Mutter Hekabe. Verließ ich doch den Leib und flattre schon zwei Tage lang umher, seitdem hier auf der Chersones, von Troja fort, sie angekommen, meine unglückliche Mutter. [Euripides: Hekabe. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 3011 (vgl. Euripides-W Bd. 1, S. 149 ff.) (c) Aufbau-Verlag] Völlig gegensätzlich berichtet die Ilias von der Ermordung des Polydoros durch Achilleus; Ilias 20,407ff: „Vorwärts drang mit der Lanze Achilleus, auf Polydoros, den Priamiden; dem hatte der Vater verboten zu kämpfen, weil er sein jüngster Nachkomme war im Kreise der Kinder und sein Liebling; im Lauf übertraf er die anderen sämtlich. Heute durchsprang er, im kindlichen Wunsch, sein Können zu zeigen, stürmisch das vordere Treffen, bis er sein Leben verloren. Ihm durchschoß mit dem Speer der gewaltige, schnelle Achilleus, als er vorbeilief, den Leib, vom Rücken aus, dort, wo die goldnen Schnallen des Gürtels sich schlossen, der Panzer doppelt ihm wehrte. Neben dem Nabel drang hervor die Spitze der Waffe. Gellend schrie er und brach in die Knie, Dunkel umwob ihn, sinkend versuchte er vorn mit den Händen die Därme zu halten. Hektor gewahrte, wie Polydoros, sein Bruder, zu Boden sank, die eigenen Eingeweide zwischen den Fingern. Schwarz ward es ihm vor den Augen, …….“ [Homer: Ilias. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 5286 (vgl. Homer-W Bd. 1, S. 388) (c) Aufbau-Verlag] ….. Vorgeführt wird Priamos von Homer erstmals in der Teichoskopia und beim Eidopfer; Ilias 3,146ff: „Neben Priamos saßen Panthoos wie auch Thymoites, Lampos, Klytios und Hiketaon, der Sprößling des Ares, Ukalegon, dazu Antenor, einsichtsvoll beide, auf dem Skaiischen Tor, als Älteste ihrer Gemeinde, durch ihr Alter vom Kriegsdienst frei, doch tüchtig als Redner, den Zikaden vergleichbar, die in den Wäldern, auf Bäumen sitzend, ihr Stimmchen erschallen lassen, zart wie die Lilien. Derart saßen auf dem Turme die Führer der Troer. Als sie sahen, wie Helena sich dem Mauerturm nahte, raunten einander sie zu die im Fluge enteilenden Worte: »Nicht zu tadeln sind Troer und trefflich gewappnete Griechen, wenn sie um solch ein Weib so lange die Drangsal erdulden! Göttinnen ähnelt sie, wirklich, in ganz erstaunlicher Weise! Freilich, trotz ihrer Schönheit fahre zu Schiff sie nach Hause, bleibe nicht hier, für die Zukunft uns und den Söhnen zum Unheil!« Derart sprachen sie. Priamos rief jetzt Helena zu sich: »Komm doch hierher, mein Kind, und setze dich zu mir, damit du deinen früheren Gatten siehst, die Schwäger und Freunde - dir nicht, den Göttern messe ich bei die Schuld am Geschehen, die den leidigen Krieg mit den Griechen über mich brachten -, du mir auch den Mann dort benennst, den gewaltigen Helden, wer er denn eigentlich ist, der Grieche, der kraftvolle, große! Um die Länge des Hauptes zwar überragen ihn andre, aber so stattlich war noch keiner, den je ich gesehen, auch nicht so ehrfurchteinflößend, sieht er doch aus wie ein König.« Helena gab ihm zur Antwort, die göttliche unter den Frauen: »Ehrwürdig bist du mir, teurer Schwiegervater, hochachtbar. Wäre ich lieber grausam gestorben, bevor ich es wagte, hierher deinem Sohne zu folgen, mein Heim zu verlassen und mein zartes Kind und die lieben Altersgenossen! Leider geschah das nicht; so muß ich in Tränen zerfließen. Aber ich will dir sagen, wonach du dich fragend erkundigst. Das dort ist der Atride, der mächtige Fürst Agamemnon, beides, ein guter König und kraftvoller Schwinger der Lanze; Schwager war er für mich, die Hündin - wenn überhaupt je!« Derart sprach sie. Der Alte sah ihn bewundernd und sagte: »Seliger Sohn des Atreus, Glückskind, vom Daimon begnadet, ja, in großer Zahl gehorchen dir griechische Helden! Ich auch zog nach Phrygien schon, der Heimat der Reben; da erblickte ich zahlreiche Phryger beim Tummeln der Rosse, Kriegsvolk des Otreus und des den Göttern ähnlichen Mygdon, die am Steilufer des Sangarios Lager bezogen; wurde ich doch zu ihnen gezählt als Bundesgenosse, als die Amazonen angriffen, tapfer wie Männer - so viel waren es nicht wie die mutig blickenden Griechen!« Dann erblickte der Alte den Helden Odysseus und fragte: »Sage mir jetzt noch, bitte, mein Kind: Wer ist dort der Grieche, ragt nicht so hoch mit dem Haupt wie der Atreussohn Agamemnon, breiter jedoch sind Schultern und Brust, ganz deutlich zu sehen! Seine Waffen liegen auf der nährenden Erde, doch er selber durchstreift, ein Leitbock, die Reihen der Männer. Wirklich, er kommt mir vor wie ein Widder mit wolligem Vliese, der die riesige Herde von leuchtenden Schafen durchschreitet.« Helena gab ihm, die Tochter des großen Kroniden, zur Antwort: »Dieser Mann ist der Sohn des Laërtes, der kluge Odysseus, der im Gebiete der felsigen Insel Ithaka aufwuchs. Er versteht sich auf mancherlei Listen und kluge Entwürfe.« […..] Darauf erblickte der Alte den Helden Aias und fragte: »Wer ist, weiter, dort der Achaier, der stattliche, große, der aus den Griechen herausragt durch Haupt und mächtige Schultern?« Ihm gab Helena Antwort, die edle, in langem Gewande: »Dieser Held ist Aias, der Riese, die Schutzwehr der Griechen. Dort steht, göttlich, Held Idomeneus inmitten der Kreter, um ihn sammeln sich nach und nach die kretischen Feldherrn. Oft bewirtete ihn Menelaos, der Liebling des Ares, kam er von Kreta herübergefahren, in unserem Hause. All die mutig blickenden Griechen sehe ich nunmehr, die ich genau zu erkennen vermag und bei Namen zu nennen. Zwei nur kann ich nicht sehen von den Gebietern der Scharen, Kastor, den Reiter, und Polydeukes, den Meister im Faustkampf, meine Brüder, mit mir von der gleichen Mutter geboren. Entweder kamen sie gar nicht mit aus dem lieblichen Sparta, oder sie fuhren zwar auch auf den meerüberquerenden Schiffen, scheuen aber die Teilnahme an den Kämpfen der Helden, weil sie den Schimpf und die Schmähungen fürchten, die mich verfolgen.« Derart sprach sie. Jedoch die nährende Erde bedeckte jene in Sparta schon, dem lieben Lande der Väter. Aber die Herolde trugen die göttlichen Pfänder des Eides durch die Stadt, zwei Lämmer und labenden Wein von den Fluren, in dem ziegenledernen Schlauch. Den schimmernden Mischkrug und die goldenen Becher brachte der Herold Idaios. Neben den greisen König trat er und mahnte ihn dringend: »Auf, du Sohn des Laomedon, dich entbieten die Fürsten rossetummelnder Troer und erzgewappneter Griechen auf das Blachfeld hinab, das eidliche Bündnis zu schließen. Nur Alexandros und Held Menelaos, der Liebling des Ares, werden im Kampf um die Frau mit den langen Spießen sich messen; und dem Sieger werden die Frau und die Schätze gehören. Doch wir anderen schwören uns Freundschaft, wir sollen bewohnen unser fruchtbares Troja, doch jene zur Mutter der Rosse ziehen, nach Argos, und Hellas, dem Lande der stattlichen Frauen.« Derart sprach er. Es graute dem Alten. Doch ließ er von Freunden anspannen; und sie gehorchten eilig seinem Befehle. Priamos stieg in den Wagen und straffte die Zügel; Antenor trat zu ihm in den prächtigen Kasten des Fahrzeugs. Sie lenkten durch das Skaiische Tor auf das Blachfeld die eilenden Rosse. Als sie zu den Heeren der Troer und Griechen gelangten, stiegen vom Wagen sie auf die nahrungspendende Erde und betraten den Platz inmitten der Troer und Griechen. Gleich darauf erhob sich der Führer des Heers, Agamemnon, mit ihm der kluge Odysseus. Die edlen Herolde aber führten zusammen die göttlichen Pfänder des Eides und mischten Wein im Krug, übergossen die Hände der Fürsten mit Wasser. Der Atride zog mit den Händen das Messer - er hatte ständig es hängen neben der großen Scheide des Schwertes - und schnitt Haare vom Kopf der Lämmer. Die Herolde teilten ringsum sie aus an die Fürsten der Troer und Griechen. In ihrem Kreise betete laut Agamemnon, die Hände erhoben: »Vater Zeus, der du waltest vom Ida, Erhabenster, Größter - Helios, du auch, der alles erblickt und alles mitanhört - ihr auch, Flüsse - du, Göttin Erde - die ihr die Toten in der Unterwelt straft, wenn lebend sie meineidig wurden: waltet als Zeugen und wachet über unsere Schwüre! Tötet der Held Alexandros den Feind Menelaos im Zweikampf, dann sei Helena sein mit sämtlichen Schätzen, wir aber wollen heimkehren auf den meerebefahrenden Schiffen. Trifft jedoch Menelaos, der blonde, zu Tode den Paris, liefern die Troer Helena aus mit sämtlichen Schätzen, zahlen den Griechen zugleich die angemessene Buße, die für die Zukunft dienen möge als warnendes Beispiel. Sollten freilich Priamos und die Söhne sich weigern, mir die Buße zu zahlen, nachdem Alexandros gefallen, dann will hier im Lande ich bleiben und für die Vergeltung weiterhin kämpfen, bis ich den Zweck des Krieges erfülle.« So sprach er und durchtrennte die Kehlen der Lämmer mit hartem Erz; die noch zuckenden, leblosen Leiber legte er nieder auf den Boden, es hatte das Erz die Kräfte gebrochen. Aus dem Kruge schöpften sie Wein in die Becher, sie brachten dar ihn zur Spende und flehten zu den ewigen Göttern. Mancher betete da aus dem Kreis der Achaier und Troer: »Zeus, Erhabenster, Größter, und all ihr unsterblichen Götter! Wer als erster bricht das eidlich bekräftigte Bündnis, dessen Gehirn soll, gleich dem Wein, auf den Erdboden fließen, das der Kinder desgleichen; sein Weib gerate in Knechtschaft!« Derart beteten sie, doch Zeus versagte Erfüllung. Nun sprach Priamos unter ihnen, der Dardanosenkel: »Höret auf mich, Trojaner und trefflich gewappnete Griechen! Ich will wieder ins windumbrauste Ilion fahren; kann ich unmöglich doch den Zweikampf mitansehen zwischen meinem Sohne und Menelaos, dem Liebling des Ares. Zeus nur weiß es und mit ihm die andern unsterblichen Götter, wem von beiden Kämpfern ein tödlicher Ausgang bestimmt ist.« Derart sprach der göttliche König und legte die Lämmer in den Wagen, bestieg ihn selber und straffte die Zügel. Held Antenor trat zu ihm auf das prächtige Fahrzeug. Beide kehrten sogleich zurück zu den Mauern von Troja.“ [Homer: Ilias. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 4699 (vgl. Homer-W Bd. 1, S. 52 ff.) (c) Aufbau-Verlag] ….. Nach einer schweren Schlacht waren viele Tote zu bestatten; zudem wollte der weise Antenor den Krieg beenden. Dazu versammelte Priamos die Troier vor dem Palast und führte den Vorsitz; Ilias 9,345ff: „Auch die Trojaner hatten auf Ilions Burg sich versammelt, stürmisch erregt, vor dem Tore des Priamos, ihres Gebieters. Unter ihnen ergriff das Wort der kluge Antenor: »Höret auf mich, Trojaner, Dardaner, Bundesgenossen! Aussprechen muß ich, wozu Verlangen und Willen mich spornen. Auf, laßt uns die Argeierin Helena, mit ihr die Schätze, ausliefern an die Atriden! Jetzt führen wir Krieg als Verletzer fest beschworener Eide! Nicht besser, glaube ich, können wir das unsere tun, um dieses Verbrechen zu meiden!« Derart sprach er und setzte sich. Da stand auf in dem Kreise Held Alexandros, der lockigen Helena göttlicher Gatte. Der gab Antwort und sprach die flugs enteilenden Worte: »Was du vorschlägst, Antenor, ist kein Beweis mehr von Freundschaft. Du bist verständig genug, etwas Beßres zu raten als dieses. Solltest aber tatsächlich im Ernste den Vorschlag du machen, haben unstreitig die Götter selbst dich beraubt des Verstandes. Meinerseits will ich den rossezähmenden Troern erklären, offen bekennen: Niemals gebe heraus ich die Gattin! Was ich jedoch an Schätzen von Argos nach Hause mir brachte, will ich völlig erstatten, zulegen noch von den meinen.« Derart sprach er und setzte sich. Da stand auf in dem Kreise Priamos, Enkel des Dardanos, gleichend den Göttern im Rate. Einsichtsvoll ergriff er das Wort und sagte zu ihnen: »Höret auf mich, Trojaner, Dardaner, Bundesgenossen! Aussprechen muß ich, wozu Verlangen und Willen mich spornen. Nehmet das Essen jetzt ein in der Stadt, wie ihr immer es tatet, und vergeßt nicht die Posten zur Nacht, und wachsam sei jeder! Morgen begebe Idaios sich hin zu den bauchigen Schiffen, um Agamemnon und Menelaos den Vorschlag zu melden, den Alexandros äußert, der Urheber unseres Streites. Aber er frage sie vorsorglich auch, ob sie etwa bereit sind, einzustellen den tosenden Kampf zur Verbrennung der Toten. Fortsetzen können wir später den Streit noch, bis uns die Gottheit eine Entscheidung, einer von beiden Seiten den Sieg bringt.« Derart sprach er, sie lauschten ihm willig und leisteten Folge, aßen zu Abend sodann, im Lager, nach Scharen geordnet.“ [Homer: Ilias. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 4832 (vgl. Homer-W Bd. 1, S. 130 ff.) (c) Aufbau-Verlag] ….. Idaios gehorchte, kehrte aber unverrichteter Dinge zurück. Nur eine Kampfpause für die Bestattung der Toten hatten die Griechen zugesagt; Ilias 7,413ff: „Aber Idaios kehrte zurück zum heiligen Troja. In der Versammlung saßen Trojaner und Dardanionen, alle zum höchsten gespannt auf die Ankunft des Herolds Idaios. Endlich kam er denn auch und trat in die Mitte und gab die Botschaft bekannt. Da rüsteten sich geschwind die Trojaner, teils zum Sammeln der Toten und teils zum Beschaffen des Holzes. Auch die Argeier eilten fort von den trefflichen Schiffen, teils zum Sammeln der Leichen und teils zum Beschaffen des Holzes. Eben traf die Sonne mit ihren Strahlen die Fluren, aus des Okeanos tiefer und ruhiger Strömung zum Himmel aufsteigend. Da begegneten sich die Troer und Griechen. Schwierig war es, die einzelnen Toten herauszuerkennen. Aber sie wuschen das fest geronnene Blut von den Leichen, luden sie auf die Fahrzeuge unter brennenden Tränen. Weiterzuweinen verbot der König Priamos; schweigend legten sie, traurig, auf den Scheiterhaufen die Leiber, steckten in Brand sie und kehrten zurück ins heilige Troja.“ [Homer: Ilias. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 4832 (vgl. Homer-W Bd. 1, S. 130 ff.) (c) Aufbau-Verlag] ….. Weil Hektor der Oberkommandierende der Troianer und ihrer Verbündeten war spielt Priamos in den Beschreibungen der Kampfhandlungen in den Gesängen 8 bis 20 keine Rolle. Im 21. Gesang beobachtet er einen Angriff des Achilleus; Ilias 21,526ff: „Priamos stand, der greise Fürst, auf dem heiligen Turme; Ausschau hielt er nach dem gewaltigen Helden Achilleus. Dieser jagte die Troer wild vor sich her, und nicht einer bot ihm die Stirn. Hernieder vom Turm stieg klagend der König und befahl den ruhmreichen Torwächtern neben der Mauer: »Haltet die Torflügel offen in Händen, bis die Trojaner fliehend die Stadt erreichen; hierher jagt sie Achilleus, schon ganz nahe. Nunmehr, fürchte ich, droht das Verderben. Drängten die Unsern sich hinter die Mauer und schöpfen dort Atem, schließet sogleich die sicher gefügten Torflügel wieder! Bange ich doch, der Unheilsbringer dringt in die Mauern!« Derart sprach er; sie lösten die Riegel und schoben das Tor auf. Offen, bot es die Rettung. Doch Phoibos stürmte ins Freie, gegen den Feind, um die Troer vor dem Verderben zu schützen. Aus der Ebene grade zur Stadt und zur ragenden Mauer rannten sie hin, gedörrt vom Durst und umwölkt von dem Staube. Ungestüm drängte Achilleus nach mit der Lanze, die wilde Kampfwut beherrschte sein Herz; er wünschte sich Ruhm zu gewinnen.“ [Homer: Ilias. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 5319 (vgl. Homer-W Bd. 1, S. 406 ff.) (c) Aufbau-Verlag] ….. Doch Gott Apollon griff ein. Er flößte Agenor 10, einem Sohn des Antenor 1, Mut ein. Tapfer stellte sich Agenor dem Achilleus, doch Apollon hüllte ihn in eine rettende Wolke, nahm selbst seine Gestalt an und lockte, eine Flucht vortäuschend, Achilleus bis zum Fluss Skamandros. Diese göttliche List ermöglichte es auch den restlichen Troianern Schutz hinter den Mauern ihrer Stadt zu finden. Nur Hektor, wild entschlossen dem Tod bringenden Achilleus entgegenzutreten, blieb vor den Toren der Stadt und wollte den Entscheidungskampf; Ilias 22,25ff: „Priamos sah, der betagte König, als erster den Helden über die Ebene stürmen, an Glanz dem Sterne vergleichbar, der sich im Herbste erhebt; im Kreis der vielen Gestirne funkelt sein Licht in nächtlicher Dämmerung weithin erkennbar; Hund des Orion lautet der Name, den Menschen ihm geben. Prächtig erglänzt er, aber sein Aufgang bedeutet ein Unheil, bringt er doch furchtbare Hitze über die elenden Menschen. Ebenso strahlte das Erz um die Brust des stürmenden Helden. Laut schrie auf der König, er holte weit aus mit den Händen, schlug sich mit ihnen das Haupt und rief mit jammernder Stimme flehentlich seinen geliebten Sohn. Der stand vor dem Tore, unablässig und ernstlich gewillt, mit Achilleus zu kämpfen. Mitleiderregend bat ihn, gestreckt die Arme, der Alte: »Hektor, mein Junge, als einzelner, ohne die anderen, halte ja dem Peliden nicht stand! Sonst wirst du, von ihm überwältigt, schleunig dein Schicksal erfüllen; denn er ist wesentlich stärker, er, der Entsetzliche! Liebten wie mich doch jenen die Götter: seinen Leichnam würden alsbald die Hunde und Geier fressen, mir aber wiche der furchtbare Gram von der Seele! Zahlreiche tüchtige Söhne hat er mir entrissen, erschlagen oder gebracht zum Verkauf zu fern gelegenen Inseln. Jetzt auch vermag ich zwei Söhne, Lykaon und Polydoros, nicht zu erblicken bei den zur Stadt geflüchteten Troern; beide gebar mir Laothoë, die waltende Herrin. Leben sie noch im griechischen Heer, so erkaufen wir ihnen Freiheit für Erz und Gold; wir besitzen es reichlich im Hause; üppige Mitgift gewährte der ruhmreiche Altes der Tochter. Sind sie jedoch gefallen und weilen im Reiche des Hades, müssen die Mutter und ich, die wir sie erzeugten, uns grämen. Aber das übrige Volk wird geringeren Kummer empfinden, bliebest du nur verschont von dem Tod durch die Faust des Achilleus. Komme denn hinter die Mauer, mein Sohn, die Männer und Frauen Trojas zu retten und nicht den Peliden mit herrlichem Ruhme zu überhäufen, doch selbst zu verlieren das wonnige Leben! Habe auch Mitleid mit mir, dem Armen, solang ich noch atme, ich vom Unheil Verfolgter, den Zeus an der Schwelle des Alters jämmerlich umkommen läßt, mit bitterem Unglück vor Augen: niedergemetzelt die Söhne, die Töchter geschleppt in die Knechtschaft, leergeplündert die Schatzkammern, und die arglosen Kindlein roh auf den Boden geschmettert im entsetzlichen Endkampf, fortgezerrt die Schwiegertöchter von grausamen Fäusten. Schließlich werden auch mich am Tore des Schlosses die Hunde gierig zerfleischen, nachdem ein Achaier mit schneidendem Erze meinen Gliedern, durch Stoß oder Wurf, das Leben entrissen; Hunde, die ich am Tische mir hielt zur Wacht am Portale, werden lecken mein Blut und, berauscht vom Genusse, im Torweg liegen. Ja, schicklich für einen im Kampfe gefallenen Jüngling ist es durchaus, in seinem Blute zu schwimmen als Opfer schneidenden Erzes; ihn adelt im Tode der sichtbare Greuel. Aber wenn Hunde ergrauendes Haar am Kinn und am Haupte und die Schamteile des erschlagenen Greises entehren, wahrlich, das bietet den elenden Menschen den kläglichsten Anblick!« Derart flehte der Greis und raufte sein Grauhaar vom Haupte. Doch er vermochte den mutigen Hektor nicht zu bewegen.“ [Homer: Ilias. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 5326 (vgl. Homer-W Bd. 1, S. 410 ff.) (c) Aufbau-Verlag] ….. Der gewaltige Achilleus und der stärkste Kämpfer der Troier, Hektor, standen sich gegenüber. Es kam zu einem fürchterlichen Kampf. Zeus legte die Gewichte in die Waagschale und die Schale des Hektor senkte sich. Mit Hilfe der Göttin Athene schleuderte Achilleus seine Lanze durch den Hals des Hektor; sterbend flehte er; Ilias 22,338ff: „Ihm entgegnete kraftlos der Held mit dem nickenden Helmbusch: »Lasse mich, bitte, um deines Lebens, der Knie und Eltern willen nicht bei den Schiffen von Hunden der Griechen zerreißen, sondern empfange Erz in Menge und Gold als Geschenke, die mein Vater dir bietet, mit ihm die würdige Mutter, liefere meinen Leichnam jedoch nach Hause: Als Toten sollen mich Trojas Männer und Frauen der Glut übergeben!« Finsteren Blickes maß ihn der schnelle Achilleus und sagte: »Flehe mich ja nicht an, du Hund, bei Knien und Eltern! Brächten mich Wut und Rachgier dazu, dein Fleisch zu verschlingen, roh, zerstückelt, für alles, was du mir tatest! So sicher wünsche ich das, wie niemals einer die Hunde dir fortscheucht, wenn man auch zehnfach und zwanzigfach hierher Lösegeld schleppte, unermeßlich, es abwöge, ja, mir noch weitres verspräche! Ließe dich aufwiegen auch mit Gold des Dardanos Enkel Priamos, legte dich trotzdem nicht die würdige Mutter auf die Bahre und weinte um dich, den sie selber geboren; nein, dich werden Hunde und Vögel gänzlich zerfleischen!« Sterbend erwiderte ihm der Held mit dem nickenden Helmbusch: »Wirklich, dein Antlitz gibt mir die volle Gewißheit: Ich konnte niemals erwarten, dich umzustimmen. Dein Herz ist von Eisen. Lasse dich warnen; ich könnte den Götterzorn gegen dich lenken an dem Tage, an dem dich Paris und Phoibos Apollon umbringen werden, so tapfer du bist, am Skaiischen Tore!« Nach den Worten umfing ihn der Tod, und die Seele enteilte fliegend dem Leibe, zur Wohnstatt des Hades, ihr Unglück beklagend, mußte sie sich doch trennen von Jugend und männlicher Stärke. Zu dem Verschiedenen sprach noch der edle Achilleus die Worte: »Du mußt sterben! Hinnehmen will ich mein eigenes Schicksal, wenn der Kronide es wünscht und die anderen ewigen Götter!« Damit riß er den ehernen Speer aus dem Leichnam und legte abseits ihn nieder, zerrte darauf die blutige Rüstung von den Schultern. Es kamen von allen Seiten die andern Griechen, bewunderten Hektors Wuchs und erstaunliche Schönheit. Keiner nahte, ohne dem Toten noch Wunden zu schlagen.“ [Homer: Ilias. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 5342 (vgl. Homer-W Bd. 1, S. 419 ff.) (c) Aufbau-Verlag] ….. Laut weinend beklagten Hekabe und Priamos den Tod ihres edelsten Sohnes. Nicht nur, dass sie von den Zinnen der Stadt aus seiner Ermordung zusehen mussten, vor ihren Augen wurde auch noch der Leichnam von Achilleus und griechischen Kämpfern grässlich geschändet; Ilias 22,395ff: „Derart sprach er und rüstete sich zur Mißhandlung Hektors. Er durchbohrte dem Toten an beiden Füßen die Sehnen zwischen Knöchel und Ferse, durchzog sie mit Riemen aus Rindshaut, band sie am Wagenstuhl fest und ließ nachschleppen den Schädel. Darauf bestieg er das Fahrzeug, lud ein die prächtige Rüstung; anspornend schwang er die Geißel, und willig entstoben die Rosse. Staub umwirbelte den Geschleiften, die Strähnen des dunklen Haares umflogen das Haupt, der Kopf, so anmutig einstmals, wurde von Kot überdeckt. Zeus hatte dem Feind ihn geopfert, ließ ihn grausam entstellen am Boden der eigenen Heimat. Derart wurde das Haupt vollständig besudelt. Die Mutter schrie laut auf beim Anblick ihres mißhandelten Sohnes, raufte ihr Haar und warf weit fort den schimmernden Schleier. Kläglich begann auch der Vater zu jammern, und überall stimmte rings in der Stadt das Volk mit ein in das Schreien und Klagen. Gellend erscholl das Getöse, als ginge gänzlich in Flammen unter das hohe, auf schönen Terrassen errichtete Troja. Mühsam hielt man zurück den Greis, der in seiner Verzweiflung aus dem Dardanischen Tor sich stürzen wollte ins Freie. Flehentlich bat er sie alle, im Kote sich wälzend, und nannte jeden aus dem Kreise der Seinen einzeln mit Namen: »Freunde, gebt Raum und erlaubt mir, allein, wie sehr ihr euch ängstigt, fort von der Stadt, bis zu den Schiffen der Griechen, zu gehen! Anflehen will ich den Mann dort, diesen trotzigen Frevler; Rücksicht erweist er vielleicht dem Alter, erbarmt sich des Greises. Er auch besitzt einen Vater mit schon ergrauenden Haaren, Peleus, der ihn gezeugt hat und aufzog, den Troern zum Unheil. Mir indessen schlug er die allerschmerzlichsten Wunden, so viel Söhne ermordete er mir, in blühenden Jahren! Schmerzlich beklage ich alle, doch keinen so bitter wie diesen, Hektor; der Kummer um ihn wird hinab in den Hades mich führen. Hätte er doch den Tod in meinen Armen erlitten! Satt geweint hätten wir dann uns und satt auch gejammert, wir beide, seine vom Unglück verfolgte Mutter und ich auch, der Vater!« Derart klagte er weinend, und mit ihm stöhnten die Bürger. Hekabe brach bei den troischen Frauen aus in das Jammern: »Kind! Ich Arme! Was soll ich noch leben, nach furchtbarem Schlage, deinem Tod? Du warst in Troja die Nächte und Tage all mein Stolz, du warst in der Stadt auch Freude und Rettung sämtlichen Männern und Frauen, die dir göttliche Ehren zollten. Du warst für sie, tatsächlich, solange du lebtest, herrlichster Ruhm! Doch jetzt hat dich das tödliche Schicksal getroffen!«“ [Homer: Ilias. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 5342 (vgl. Homer-W Bd. 1, S. 419 ff.) (c) Aufbau-Verlag] ….. Angebunden an seinen Wagen schleifte Achilleus den Toten in das Lager der Griechen und ließ ihn vor seinem Zelt liegen. Diese unwürdige Misshandlung des Leichnams des Hektor erregte die seligen Götter, Mitleid erfasste sie. Hermes, der Götterbote, erhielt den Auftrag die Leiche zu stehlen. Wütend protestierten Hera, Poseidon und Athene, doch Zeus entschied: Achilleus muss den Leichnam dem Vater zur ordentlichen Bestattung übergeben. Im Auftrag des Zeus flog die Meeresgöttin Thetis, die Mutter des Achilleus, zu ihrem Sohn und teilte ihm den Willen des obersten Gottes mit. Auch Iris, die schnelle Botin des Zeus, erhielt einen Befehl: Ilias 24,143ff: „Derart sprach er, und Iris entflog, die windschnelle Botin, kam zum Palaste des Königs und hörte dort Wehruf und Stöhnen. Rings um den Vater saßen die Söhne im Hof und benetzten ihre Gewänder mit Tränen; in ihrer Mitte befand sich, eng in den Mantel gewickelt, der Alte. Völlig besudelt waren das Haupt und der Nacken des Greises mit Unrat; er hatte eigenhändig mit Kot sich behäuft, am Boden sich wälzend. Töchter und Schwiegertöchter jammerten laut im Palaste in dem Gedenken an die zahlreich gefallenen tapfren Helden, die unter den Händen der Griechen ihr Leben verloren. Neben Priamos trat die Botin des Zeus, und sie sagte leise zu ihm, indes ihn ein heftiger Schrecken durchzuckte: »Sei nur getrost, Dardanide, du brauchst dich gar nicht zu fürchten! Denn ich komme hierher durchaus nicht, um Unheil zu drohen, sondern in guter Absicht. Ich bringe dir Botschaft Kronions, der, wenn auch fern, sich kümmert um dich und Mitleid dir spendet. Freikaufen sollst du, befiehlt der Kronide, den göttlichen Hektor, dem Peliden Geschenke bieten, die milde ihn stimmen, ganz allein; dich soll kein anderer Troer begleiten. Folgen möge dir nur ein älterer Herold; der lenke dir den maultierbespannten eilenden Wagen und fahre auch in die Stadt den Toten zurück, den Achilleus erlegte. Ängstigen soll dich kein Todesgedanke, kein sonstiges Schreckbild; mit dir soll der Eilbote gehen als treuer Geleiter: der wird sicher dich führen zu dem Sprößling des Peleus. Hat dich der Bote geleitet ins Zelt des Achilleus, wird niemals dieser dich töten, er wird dich sogar vor den anderen schützen. Fehlt ihm doch weder Vernunft noch Vorsicht noch Sinn für das Rechte; annehmen wird er sich sorglich des hilfeflehenden Greises.« Damit begab sich die hurtige Iris sogleich auf den Rückweg. Aber der König befahl den Söhnen, den maultierbespannten eilenden Wagen zu rüsten und auf ihn den Kasten zu binden. Selber betrat er die duftende, zedergetäfelte, hohe Schatzkammer, die so mancherlei glänzende Schmuckstücke faßte, rief die Gemahlin, die Königin Hekabe, zu sich und sagte: »Unglückliche, mir sandte Zeus vom Olympos die Weisung, freizukaufen den teuren Sohn bei den Schiffen der Griechen, dem Peliden Geschenke zu bieten, die milde ihn stimmen. Sage mir, bitte, ganz offen: Was hältst du von diesem Beginnen? Spornen mich selber doch kräftig Eifer und Mut, zu den Schiffen mich zu begeben, hinein in das weite Heer der Achaier.« Derart sprach er. Die Frau schrie auf und gab ihm zur Antwort: »Weh mir, wohin entwich dein Verstand, den einstmals die Menschen rühmten, Fremde wie Bürger deines Herrschaftsbereiches? Kannst du es wagen, allein zu den Schiffen der Griechen zu gehen, unter die Augen des Mannes, der dir zahlreiche tapfre Söhne erschlug? Dein Herz ist wohl so gefühllos wie Eisen! Sollte der grausame, tückische Mensch in die Hand dich bekommen und dich erblicken, so wird er sich deiner durchaus nicht erbarmen, keinerlei Rücksicht dir zollen. So laß uns denn, ferne den Schiffen, sitzen im Schlosse und weinen! Spann doch die grausame Moira, gleich, als ich Hektor gebar, ihm in den Faden das Schicksal, streunende Hunde dereinst zu sättigen, ferne den Eltern, bei dem gräßlichen Rohling - ich könnte mich mitten in seine Leber verbeißen und roh sie verschlingen! Das wäre für meines Sohnes Ermordung der Ausgleich. In ihm erschlug ja Achilleus keinen Feigling, sondern den Schutz der Troer und ihrer tiefgegürteten Frauen; er kannte kein Fliehen, kein Weichen.« Priamos gab, der betagte, göttliche Herrscher, ihr Antwort: »Hemme mich nicht, ich bin zum Gehen entschlossen. Und spiele ja nicht den Unheilsvogel im Haus! Du verleitest mich doch nicht. Hätte mir sonst ein Erdenbewohner den Auftrag gegeben - sei es ein Seher, ein Opferbeschauer oder ein Priester -, würden wir Täuschung ihn nennen und um so eher verwerfen. Nun aber hörte ich selber die Gottheit und sah ihr ins Antlitz; aufbrechen werde ich deshalb; es gilt, den Befehl zu erfüllen. Droht mir der Tod bei den Schiffen der erzgewappneten Griechen, ist es mir recht. Denn schloß ich mein Kind in die Arme, so töte mich der Pelide sogleich, nachdem ich mich ausgeweint habe!« Damit öffnete er die prächtigen Deckel der Truhen. Ihnen entnahm er zwölf herrliche Kleider, zwölf einfache Mäntel, ebenso viele wollene Decken, die nämliche Anzahl trefflicher Leinengewebe, zu diesen zwölf Leibröcke; brachte goldne Talente, zehn im ganzen, nach redlichem Wiegen, weiter zwei schimmernde Dreifüße, auch zwei Kessel und einen prachtvollen Becher, den ihm, als einem Gesandten, die Thraker schenkten, ein kostbares Stück; auch diesen ließ der betagte König nicht liegen im Schloß, so sehnte er sich nach dem Freikauf seines geliebten Sohnes. Dann jagte er sämtliche Troer aus der Halle, indem er sie anfuhr mit schmähenden Worten: »Schert euch, ihr elenden Wichte! Habt ihr zu Hause an Trauer noch nicht genug, daß ihr herkommen müßt, mich grausam zu quälen? Seid ihr es noch nicht zufrieden, daß Zeus mit dem Untergang meines tapfersten Sohnes mich schlug? Ihr werdet auch selber es spüren: Leichter werden nach Hektors Fall die Achaier es haben, euch in noch größerer Zahl zu erlegen. O könnte ich selber, ehe ich unsere Stadt überwältigt und völlig verwüstet vor mir erblicke, niedersteigen zum Reiche des Hades!« Derart sprach er und scheuchte sie fort mit dem Zepter. Sie wichen vor dem erregten Alten. Dann rief er scheltend die Söhne, Helenos, Paris, Agathon auch, den göttlichen Helden, Pammon, Antiphonos und Polites, den Meister im Schlachtruf, dann Dëiphobos, Hippothoos und den trefflichen Dios; diesen neun erteilte der Greis laut rufend Befehle: »Sputet euch, böse Jungen, Schandbuben! Wäret anstelle Hektors ihr sämtlich bei den eilenden Schiffen gefallen! Weh, ich vom Unglück Verfolgter! Die tapfersten Helden des weiten Troja stammen von mir, und keiner ist übriggeblieben, Mestor, der göttliche, und Troïlos, der Kämpfer zu Wagen, Hektor zuletzt, der ein Gott war unter den Menschen, nach seiner Leistung durchaus nicht menschlichen, sondern göttlichen Ursprungs! Ares vernichtete sie, am Leben blieben die Memmen, Lügner und Tänzer, im stampfenden Reigen bloß Meister und Helden, die sich an Schafen und Ziegen vom eigenen Volke bereichern! Wollt ihr nicht schleunigst den Wagen mir rüsten und diese Geschenke aufladen, alle zusammen, damit wir abfahren können?« Derart rief er. Die Söhne scheuten den Tadel des Vaters, hoben den neuen, vortrefflichen Maultierwagen mit seinen starken Rädern herab und befestigten auf ihm den Kasten, nahmen vom Pflock das Maultierjoch - aus Buchsbaum bestand es, war in der Mitte gebuckelt und wohl mit Ösen versehen -, brachten zum Joch auch den neun Ellen messenden Riemen. Sorgfältig legten das Joch sie auf die geglättete Deichsel, vorn an der Spitze, schoben den Jochring über den Nagel, schlangen den Riemen beiderseits dreimal rund um den Buckel, wanden ihn um die Deichsel und zogen ihn unter den Nagel. Aus der Schatzkammer luden sie dann die reichlichen Gaben für den Freikauf des Toten auf den geglätteten Wagen, spannten die stampfenden Maultiere an, die ans Ziehen gewohnten - Myser verehrten sie Priamos einst als herrliche Gabe -, schirrten für Priamos schließlich die Rosse ins Joch, die der Alte sorgfältig pflegte, zu eignem Gebrauch, an geglätteter Krippe. Anspannen ließen derart im hohen Palaste der König und sein Herold; sie waren ernstlich zur Abfahrt entschlossen. Hekabe näherte sich den beiden, niedergeschlagen, trug mit der Rechten erquickenden Wein in goldenem Becher; erst nach vollzogenem Trankopfer sollten die Fahrt sie beginnen. Vor die Gespanne trat sie und sprach die bittenden Worte: »Nimm und vollziehe die Spende für Zeus, und flehe um Heimkehr aus dem Bereich der verhaßten Feinde, da es nun einmal dich zu den Schiffen hintreibt, obwohl ich dagegen mich stemme. Flehe denn innig zum düster umwölkten Sohne des Kronos, der auf dem Ida thront und herabschaut auf Trojas Gefilde, bitte ihn um Entsendung des eilenden Boten, des Vogels, den er am stärksten schätzt und der an Stärke hervorragt, dir zur Rechten: den Adler vor Augen, dem Adler vertrauend, wirst du die Schiffe der rossetummelnden Griechen erreichen. Sollte dir Zeus das Erscheinen seines Boten verweigern, würde ich kaum dir zureden noch, die Fahrt zu den Schiffen der Argeier zu wagen, wie dringend du selber es möchtest.« Ihr entgegnete der den Göttern gleichende König: »Deinem Ansinnen, Hekabe, will ich mich fügen; denn Nutzen bringt es, die Hände zu Zeus, um Erbarmen flehend, zu heben.« Damit befahl der Greis der rührigen Schaffnerin, reines Wasser ihm über die Hände zu gießen. Sie nahte geschäftig, hielt in den Händen das Becken zum Waschen und mit ihm die Kanne. Priamos wusch sich und empfing von der Gattin den Becher, trat in die Mitte des Hofes und flehte, indem er, zum Himmel blickend, das Weinopfer brachte, und rief mit kraftvoller Stimme: »Vater Zeus, der du waltest vom Ida, Erhabenster, Größter, laß bei Achilleus ein freundlich Willkommen und Mitleid mich finden, schick mir, ich bitte dich innig, den eilenden Boten, den Vogel, den du am stärksten schätzt und der an Stärke hervorragt, mir zur Rechten: den Adler vor Augen, dem Adler vertrauend, will ich die Schiffe der rossetummelnden Griechen erreichen!« Derart betete er; ihn erhörte Zeus, der Berater, schickte den Adler sogleich, den Vogel des treffenden Omens, jenen bräunlichen Raubvogel, den man auch nennt den Gefleckten. Weit wie der Eingang zur hochgebauten Schatzkammer eines reichen Gebieters sich öffnet, mit sicheren Riegeln, so spreizte dieser nach beiden Seiten die Schwingen. Die Wartenden sahen über die Stadt hin zur Rechten ihn aufsteigen. Freude erregte ihnen der Anblick, sie alle fühlten sich trostreich ermuntert. Eilig bestieg der greise Fürst den geglätteten Wagen, lenkte hinaus ihn zum Tor und aus der dröhnenden Halle. Vor ihm zogen die Maultiere den vierrädrigen Wagen; Herold Idaios lenkte sie umsichtig. Hinter ihm trabten rüstig die Pferde, die Priamos flink mit der Geißel dem Herold nachtrieb, hin durch die Stadt. Ihm folgten mit lautem Gejammer alle die Seinen, als ob er den Weg zum Tode beschritte. Als sie, herab von der Stadt, das flache Gelände erreichten, kehrten nach Troja zurück die Schwiergersöhne und Söhne. Deutlich erkannte der weithin schauende Zeus, wie die beiden über die Ebene fuhren. Ihn rührte der Anblick des Greises, und er sagte zu Hermes sogleich, dem Sohn, den er liebte: »Hermes, du pflegst ja Menschen besonders gern zu begleiten, und du schenkst auch jedem Gehör, dem du freundlich gesonnen. Führe denn Priamos zu den geräumigen Schiffen der Griechen, ohne daß einer von diesen ihn sehen oder auch sonstwie wahrnehmen kann, bevor er eintrifft bei dem Peliden!« Derart sprach er; ihm folgte sehr gern der geleitende Bote. Unter die Füße band er sich gleich die göttlichen, goldnen, schönen Sandalen; die pflegten ihn, auf den Flügeln des Windes, über das Wasser und die unendliche Erde zu tragen. Danach ergriff er den Stab, mit dem er die Augen der Menschen schließt, nach Belieben, zum Schlummer, doch andre erweckt aus dem Schlafe. Diesen in Händen, flog der machtvolle Bote von dannen. Schnell erreichte er Troja und die Durchfahrt der Helle, eilte dann weiter, verwandelt in einen fürstlichen Jüngling; kaum erst sproßte der Bart ihm, er stand in lieblichster Jugend. Priamos und der Herold, schon hinter dem Grabmal des Ilos, hielten die Rosse und Maultiere an, sie vom Wasser des Flusses trinken zu lassen; die Dämmerung sank schon über die Fluren. Nahe bereits war Hermes gekommen. Der Herold bemerkte ihn und richtete gleich an den König die warnenden Worte: »Achtung, du Enkel des Dardanos! Hier ist Vorsicht geboten. Jemanden sehe ich da! Gleich sind wir in Stücke gerissen, fürchte ich! Fliehen wir auf dem Pferdegespann - doch im andern Falle umfassen wir seine Knie und flehen um Gnade!« Derart sprach er. Verwirrung und Schrecken packten den Alten, auf den gekrümmten Gliedern sträubten vor Furcht sich die Haare. Wie ein Betäubter stand er. Ihm nahte der Spender des Segens, reichte dem Greise die Hand und begann ihn freundlich zu fragen: »Wohin lenkst du so eifrig die Rosse und Maultiere, Vater, mitten in heiliger Nacht, wenn die übrigen Sterblichen schlafen? Fürchtest du denn überhaupt nicht die mutbeseelten Achaier, die in der Nähe sich aufhalten, deine erbitterten Feinde? Sähe dich einer durch schleunig sinkendes nächtliches Dunkel hinziehen mit solch kostbarer Fracht - was würdest du denken? Nicht mehr jugendlich bist du, bejahrt erscheint dein Begleiter: Widerstand könnt ihr nicht leisten, wenn ein Gegner euch anfällt. Ich will gar nicht dir schaden, vielmehr dir Hilfe noch bringen gegen den Feind; ich sehe in dir den eigenen Vater.« Ihm gab Antwort der greise, den Göttern gleichende König: »Unsere Lage, mein lieber Sohn, erklärst du wohl richtig. Aber ein Gott hält über mich noch die Hände gebreitet; rechtzeitig schickte er einen Begleiter wie dich mir entgegen. Ehrfurcht erweckst du durch deine Erscheinung, zeigst Einsicht und Klugheit. Glücklich zu preisen sind die Eltern, von denen du abstammst.« Darauf entgegnete ihm der geleitende göttliche Bote: »Alter, du prüfst mich und möchtest Näheres wissen von Hektor. Oftmals habe ich ihn in der Schlacht, dem Ruhme der Männer, selber vor Augen gehabt, auch als zu den Schiffen er vordrang und die Argeier mit schneidendem Erze zerfleischte und totschlug. Untätig standen wir damals und staunten; uns ließ ja Achilleus nicht an dem Kampfe teilnehmen, weil dem Atriden er grollte. Ich bin nämlich sein Freund und teilte mit ihm die Kajüte, Myrmidone; mein Vater trägt den Namen Polyktor. Er ist begütert, sein Alter gleichet dem deinen; sechs Söhne hat er daheim, ich bin der siebente. Als ich mit ihnen loste, ergab sich für mich die Verpflichtung zum Zuge nach Troja. Jetzt schritt ich von den Schiffen zur Ebene. Morgen beginnen wieder den Kampf um die Stadt die helläugig blickenden Griechen. Tatenlos hier zu liegen, verdrießt sie; die griechischen Fürsten können nicht länger die kampfbegierigen Heerscharen zügeln.« Ihm gab Antwort der greise, den Göttern gleichende König: »Bist du tatsächlich ein Freund des Peleussohnes Achilleus, nun, so enthülle mir rückhaltlos die lautere Wahrheit: Liegt noch mein Sohn bei den Schiffen? Oder hat ihn Achilleus schon zerstückelt und seinen Hunden zum Fraße gegeben?« Darauf erwiderte ihm der geleitende göttliche Bote: »Alter, noch fraßen den Leichnam nicht die Hunde und Vögel, nein, bei dem Schiff des Achilleus liegt er, genauso wie vorher, neben dem Zelt; zwölfmal schon graute der Morgen darüber, dennoch verwest er nicht, verschlingen ihn auch nicht die Maden, die sich voll Freßgier stürzen auf die gefallenen Helden. Immer noch schleift ihn Achilleus freilich ohne Erbarmen rings um das Grabmal des teuren Gefährten beim Aufgang der Sonne, doch er entstellt ihn nicht. Du wirst ihn selber bewundern, wie er noch daliegt, ganz frisch; rings ist er vom Blute gereinigt, nirgends besudelt; es haben sich sämtliche Wunden geschlossen, die man ihm schlug; ihn traf ja noch mancher mit eherner Waffe. Derart bemühen um deinen wackeren Sohn, noch als Toten, sich die seligen Götter; sie lieben ihn überaus herzlich.« Freude empfand der Greis bei der Auskunft und gab ihm zur Antwort: »Wahrlich, mein Sohn, den Unsterblichen auch gebührend zu opfern, lohnt sich. Mein Sohn, wenn jemals er lebte, hat im Palaste niemals die Götter vergessen, die den Olympos bewohnen. Darum auch haben die Götter sich seiner im Tode erinnert. Aber so nimm jetzt von mir den schönen Pokal hier entgegen, biete mir Schutz und geleite mich, unter dem Beistand der Götter, bis ich das Zelt des Peleussohnes Achilleus erreiche!« Darauf erwiderte ihm der geleitende göttliche Bote: »Alter, du prüfst mich, den Jüngeren, aber du wirst mich nicht fangen! Drängst mir Geschenke auf, ohne Wissen des Helden Achilleus! Ehrfurcht beseelt mich vor ihm, ich scheue mich sehr, ihm die Rechte irgend zu schmälern - sonst könnte es später schlecht mir ergehen! Doch ich geleitete dich sogar in das ruhmreiche Argos, ginge getreulich mit dir, zu Fuß wie auf eilendem Schiffe; schwerlich wird man dich antasten, deinem Begleiter zum Trotze!« Damit schwang sich auf das Gespann der Bringer des Segens, griff mit den Händen geschwind nach Geißel und Zügeln und hauchte Pferden zugleich und Maultieren Kraft ein und stürmischen Eifer. Als sie die Türme des Schiffslagers und den Graben erreichten, waren die Wächter gerade mit ihrer Mahlzeit beschäftigt. Einschlummern ließ der geleitende göttliche Bote sie alle, öffnete gleich das Tor und schob die Riegel beiseite, ließ den König hindurch und den Wagen mit kostbaren Gaben. Nunmehr gelangten sie zu dem ragenden Zelt des Peliden, das die Myrmidonen dem Fürsten aus emsig gefällten Fichtenstämmen errichtet; sie hatten von sumpfiger Wiese haariges Schilfrohr geschnitten und darüber gebreitet, ringsum aus dichtem Pfahlwerk ihrem Gebieter auch einen stattlichen Hofraum geschaffen. Ein einziger fichtener Riegel schützte das Tor. Drei Griechen mußten den mächtigen Balken jedesmal mühsam vorwärtsstoßen, drei andre ihn öffnen; nur der Pelide vermochte allein ihn beiseite zu schieben. Einlaß gewährte Hermes, der Spender des Segens, dem Alten, fuhr in den Hof die für den Peliden bestimmten Geschenke, stieg von dem Fahrzeug zur Erde herab und sprach zu dem König: »Alter, ich bin, ein Unsterblicher, zu dir gekommen, ich, Hermes; Zeus hat, der göttliche Vater, mich dir zum Begleiter gegeben. Umkehren will ich, den Anblick des Peliden vermeiden. Tadel verdiente es nämlich, wenn eine unsterbliche Gottheit ohne besonderen Auftrag Menschen persönlich begrüßte. Tritt in das Zelt und umfasse die Knie des Peliden und flehe dringend ihn an, im Namen des Vaters, der lockengeschmückten Mutter und seines Sohnes; so wirst du innig ihn rühren!« Damit begab sich Hermes zurück zum hohen Olympos. Priamos sprang vom Wagen zur Erde und ließ den Idaios stehen im Hofraum; der Herold blieb und hielt an den Zügeln Rosse und Maultiere fest. Der König eilte zum Zelte, wo der Pelide wohnte, der Liebling des Zeus. Der Besucher traf ihn drinnen. Die Freunde des Helden hielten sich abseits. Zwei nur, der Held Automedon und Alkimos, Sprößling des Ares, warteten emsig ihm auf. Er war mit Essen und Trinken eben fertig geworden und vor ihm stand noch die Tafel. Ohne bemerkt zu werden, trat ein der stattliche König, kam zu Achilleus, umschlang ihm die Knie und küßte die harten, mordenden Hände, die ihm so zahlreiche Söhne erschlagen. Wie sich ein Mann mit Blutschuld belastet, wenn er in der Heimat einen Totschlag verübt und ins Ausland entkam, zu dem Hause eines begüterten Mannes, und Staunen die Zuschauer fesselt: ebenso staunte Achilleus beim Anblick des göttlichen Königs, staunten auch seine Gefährten und blickten gespannt aufeinander. Priamos aber flehte zum Sohne des Peleus und sagte: »Denke an deinen Vater, du göttergleicher Achilleus! Er auch steht, wie ich, an der Schwelle des leidigen Alters, ihn auch bedrängen vielleicht die benachbarten Völker, und keiner zeigt sich bereit, ihm Schutz vor Fluch und Verderben zu bieten. Freilich, er kann sich über die Nachricht, du seiest am Leben, wenigstens freuen von Herzen, kann täglich noch hoffen, er werde seinen geliebten Sohn von Ilion heimkehren sehen! Ich indessen bin gänzlich geschlagen: Ich zeugte im weiten Troja die tapfersten Helden, doch keiner von ihnen blieb übrig. Fünfzig Söhne besaß ich, als die Achaier zu Felde zogen; neunzehn von ihnen entstammten dem Schoße der Gattin, während mir Nebenfrauen im Hause die andern gebaren. Vielen von ihnen entriß der stürmische Ares das Leben; aber den einzigen, der mir wirklich die Stadt und die Bürger schützte, erschlugest du unlängst in seinem Kampf für die Heimat, Hektor. Ich komme um seinetwillen zum Lager der Griechen, freizukaufen den Leichnam von dir, mit reichlichen Gaben. Ehre die Götter, Achilleus, und erbarme dich meiner, deinen Vater vor Augen - doch ich bin bemitleidenswerter, wage die Tat, zu der noch niemals ein Mensch sich entschlossen: recke zum Antlitz des Mannes die Hand, der den Sohn mir getötet!« Derart sprach er und weckte den Schmerz um den eigenen Vater in dem Peliden. Der griff bei der Hand den Alten und wehrte sachte ihn ab. Die Erinnerung überwältigte beide. Jener weinte um Hektor, niedergeduckt vor Achilleus, dieser beklagte den Vater, dann wieder den Helden Patroklos. Hin durch das Zelt erscholl das laute Gejammer der beiden. Als sich jedoch der edle Achilleus ausgeweint hatte, ihm aus dem Herzen geschwunden war das Verlangen zur Klage, sprang er vom Sessel und half mit der Rechten empor auch dem Alten, mitleiderfüllt mit dem grauen Haupt und ergrauendem Barte; darauf sprach er zu ihm die im Fluge enteilenden Worte: »Armer, tatsächlich, du hast viel Bitternis auskosten müssen! Kannst du es wagen, allein zu den Schiffen der Griechen zu gehen, unter die Augen des Mannes, der dir zahlreiche tapfre Söhne erschlug? Dein Herz ist wohl so gefühllos wie Eisen! Bitte, nimm Platz auf dem Sessel! Wir wollen, trotz lastendem Kummer, unsere Leiden ruhig verschließen, tief in den Herzen; denn uns vermag das schmerzliche Jammern gar nicht zu helfen. Über die elenden Menschen verhängten die Götter das Schicksal, traurig dahinzuleben; nur selber berührt sie kein Kummer. In der Halle des Zeus erheben sich zweierlei Krüge, einer voll Unglück, wie Zeus es ausgibt, der zweite voll Segen. Wem nun die Gaben gemischt verleiht der Lenker der Blitze, dem widerfährt zuweilen ein Unglück, zuweilen ein Glücksfall. Wem er allein vom Unglück zuteilt, den schlägt er mit Schande; quälender Heißhunger treibt ihn über die göttliche Erde, heimatlos schweift er, weder von Göttern noch Menschen geachtet. Derart verliehen die Götter dem Peleus zwar herrliche Gaben, schon von Geburt an; er überragte an Macht und an Einfluß sämtliche Menschen, war über die Myrmidonen Gebieter; war er auch sterblich, erhielt er doch eine unsterbliche Gattin. Aber auch ihm ersparte der Gott nicht das Unglück: Er hatte keinen männlichen Erben der Herrschaft im Hause, nur einen Sohn, dem ein kurzes Leben bestimmt ist. Ich werde ihn niemals pflegen im Alter, da ich, entfernt von der Heimat, in Troja sitze, dir selbst und deinen Kindern zu furchtbarem Schaden. Dir auch, Alter, lächelte einstmals das Glück, wie wir wissen; Lesbos, der Wohnsitz Makars, im Süden - landeinwärts die Phryger -, westwärts der endlose Sund der Helle: in dieser Begrenzung warst du der Erste an Macht wie am Reichtum prächtiger Söhne. Aber seitdem dich mit diesem Kriegsleid die Himmlischen schlugen, toben um deine Festung ständig die mordenden Schlachten. Fasse dich, mache dich frei vom unaufhörlichen Jammern! Nutzlos erweist sich dein Gram um den Sohn, du wirst ihn zum Leben nicht mehr erwecken; sei eher gefaßt auf ein weiteres Unglück!« Ihm gab Antwort der greise, den Göttern gleichende König: »Lasse mich, Günstling des Zeus, im Sessel nicht sitzen, solange Hektor noch unbestattet im Zelt liegt, sondern, ich bitte, gib ihn heraus, damit ich ihn sehe, empfange das reiche Lösegeld, das wir dir bringen! Freu dich der Gaben und komme glücklich zurück in die Heimat, nachdem du fürs erste mein Leben schontest und mir noch erlaubtest, die Strahlen der Sonne zu sehen!« Finsteren Blickes maß ihn der schnelle Achilleus und sagte: »Dränge mich, Alter, für jetzt nicht weiter! Ich selber gedenke Hektor herauszugeben; im Auftrag des Zeus überbrachte mir die Mutter, die Tochter des Alten vom Meere, die Weisung. Außerdem muß ich, Priamos, ohne Zweifel, erkennen, daß dich ein Gott zu den schnellen Schiffen der Danaer führte. Keiner der Sterblichen würde es wagen, ins Lager zu kommen, auch nicht als kraftvoller Jüngling; ihn würden die Wächter bemerken, schwerlich auch stieße den Riegel er auf an unseren Toren. Rege mich deshalb nicht länger jetzt auf in meiner Betrübnis; andernfalls könnte ich, Alter, dich selbst bei den Zelten nicht schonen, giltst du als Schützling auch, und die Weisung des Zeus übertreten!« Derart sprach er, der Greis erschrak und gehorchte der Warnung. Schnell wie ein Löwe schritt der Pelide zur Türe des Zeltes, nicht allein; ihm schlossen sich an zwei seiner Gefährten, Held Automedon und Alkimos, die Achilleus von seinen Freunden am höchsten schätzte nächst dem toten Patroklos. Diese schirrten vom Joch die Maultiere wie auch die Rosse, führten herein auch den Sprecher des greisen Königs, den Herold, hießen ihn Platz auf dem Sessel nehmen. Vom trefflich bereiften Lastwagen luden sie ab die reichlichen Gaben für Hektor, ließen zurück zwei Mäntel und einen prächtigen Leibrock; heimgeben wollte Achilleus in dieser Umhüllung den Leichnam. Darauf hieß er die Mägde den Toten waschen und salben, abseits freilich, damit ihn Priamos gar nicht erblicke; sollte doch nicht den Vater der Zorn übermannen beim Anblick seines Sohnes, Achilleus dabei in Erregung geraten und ihn erschlagen, derart die Weisung des Zeus übertretend. Als nun die Mägde den Leichnam gewaschen und eingeölt hatten, eingehüllt schließlich in den prächtigen Mantel und Leibrock, hob ihn Achilleus persönlich empor auf die Bahre und legte ihn, unterstützt von den Freunden, auf den geglätteten Wagen. Bitter begann er zu schluchzen und rief den teuren Gefährten: »Sei mir nicht böse, Patroklos, solltest du, wenn auch im Hades, Kunde erhalten, daß ich den Leichnam Hektors an seinen Vater zurückgab, nachdem er mir reichliches Lösegeld brachte. Dir auch will ich davon den schuldigen Anteil entrichten.« Damit begab sich zurück in das Zelt der edle Achilleus, setzte sich in den kunstreichen Lehnstuhl, den er verlassen, an der hinteren Wand, und sprach zu dem göttlichen König: »Alter, dein Sohn ist herausgegeben, wie du es erbatest, liegt auf die Bahre gebettet. Du wirst ihn beim Dämmern des Morgens sehen, wenn du ihn mitnimmst. Jetzt lasset ans Essen uns denken! Niobe auch, die lockengeschmückte, vergaß nicht zu essen, hatte sie auch zwölf Kinder in ihrem Hause verloren, je sechs Töchter und Söhne, in herrlicher Blüte der Jugend. Mit dem silbernen Bogen erlegte Apollon die Söhne, Artemis aber, die Schützin, die Töchter; sie grollten der Mutter, weil sie sich prahlend mit Leto verglichen, der lieblichen Göttin: zwei nur der Kinder habe die Göttin geboren, sie selber derart viele! Da töteten sie, zu zweit nur, die vielen. Diese lagen neun Tage in ihrem Blute, und keinen gab es, der sie begrub: Zeus hatte die Menschen versteinert. Erst am zehnten begruben die himmlischen Götter die Toten. Dennoch dachte die Mutter, des Weinens müde, ans Essen. Heute noch trägt wohl, im Felsengestein, im öden Gebirge, auf dem Sipylos, wo, wie es heißt, sich die göttlichen Nymphen lagern, die rings um den Bach Acheloios im Reigen sich tummeln, Niobe, selbst versteinert, am Leid, das die Götter verhängten. Auf denn, sorgen auch wir für die Mahlzeit, wackerer Alter! Jammere weiter um deinen geliebten Sprößling, sobald du ihn nach Ilion brachtest; du wirst ihn noch oftmals beweinen.« Damit erstach er sogleich ein Schaf von silbernem Glanze. Seine Gefährten enthäuteten es und besorgten es trefflich, schnitten geschickt das Fleisch in Stücke, spießten es, brieten sorgfältig alles und zogen es dann herab von den Spießen. Brot ergriff Automedon und teilte in prächtigen Körben über den Tisch hin es aus. Den Braten verteilte Achilleus. Wacker sprachen sie zu den dargebotenen Speisen. Aber sobald sie den Durst gestillt und den Hunger, gewahrte Priamos, Enkel des Dardanos, staunend die Größe und Schönheit des Peliden; der glich leibhaftig einem der Götter. Gleichfalls gewahrte Achilleus mit Staunen den Dardanosenkel, schaute sein edles Antlitz und hörte gefällig ihn sprechen. Als die beiden Fürsten einander sattsam betrachtet, richtete an Achilleus der göttliche König die Worte: »Lasse mich schlafen, Günstling des Zeus; wir wollen uns beide niederlegen, Erquickung finden im köstlichen Schlummer. Unter den Lidern schlossen sich mir noch niemals die Augen, seit mein Hektor von deinen Händen das Leben verloren, sondern ich jammere ständig und nähre unendlichen Kummer, wälze im Hofraum mich hin und her auf schmutzigem Boden. Heute erst habe ich Speisen genossen, mit funkelndem Weine mir die Kehle genetzt; doch vorher verzehrte ich gar nichts.« Derart sprach er. Achilleus hieß die Gefährten und Mägde Betten aufstellen in der Halle, purpurne, schöne Kissen daraufpacken, sie mit Laken beziehen und dichte wollene Decken dazu, als Überbetten, noch breiten. Aus dem Gemache eilten die Mägde, Fackeln in Händen, richteten emsig sogleich für die beiden Gäste das Lager. Aber Achilleus sprach in scherzhaftem Tone zum König: »Lege dich draußen zur Ruhe, mein guter Alter; es könnte einer der griechischen Fürsten eintreffen, die zur Beratung ständig bei mir, wie es Brauch ist, gerne zusammen sich setzen. Sähe dich einer im schleunig sinkenden nächtlichen Dunkel, könnte er gleich Agamemnon es melden, dem Hirten der Völker; dadurch würde der Freikauf des Toten vielleicht sich verzögern. Aber wohlan denn, sprich und gib mir untrüglich die Auskunft: Wieviel Tage benötigst du wohl zu Hektors Bestattung? Ruhen will ich derweilen, das Heer auch zur Ruhe verpflichten.« Ihm gab Antwort der greise, den Göttern gleichende König: »Möchtest du mir die Bestattung Hektors in Ruhe vergönnen, tätest du mir, Achilleus, durch folgende Rücksicht Gefallen: Wir sind umringt in der Festung, du weißt es, Holz müssen wir holen fern von den Bergen, und schreckliche Furcht entmutigt die Troer. Um den Gefallenen möchten wir trauern im Schlosse neun Tage, ihn dann bestatten am zehnten und Leichenschmaus geben dem Volke, schließlich, am elften Tage, für ihn das Grabmal errichten. Kämpfen werden wir wieder am zwölften, erzwingt es die Lage.« Ihm entgegnete gleich der schnelle, edle Achilleus: »Dies auch, Alter, sei dir, nach deinem Wunsche, bewilligt; solange, wie du es forderst, will ich den Krieg unterbrechen.« Derart gab er sein Wort und drückte die Rechte des Greises fest an der Wurzel, ihm damit jegliche Furcht zu benehmen. Darauf begaben sie sich im Vorraum des Zeltes zur Ruhe, Priamos und sein Herold, bewegt von ernsten Gedanken. Hinten jedoch im festerrichteten Zelt schlief Achilleus; neben ihm ruhte Brisëis, das Kind mit den lieblichen Wangen. Sämtliche Götter und die sterblichen Kämpfer zu Wagen ruhten die ganze Nacht, von schmeichelndem Schlafe umfangen. Lediglich Hermes, den Bringer des Segens, erquickte kein Schlummer; er überlegte, wie er den König heraus aus dem Lager brächte, ohne daß ihn die rüstigen Wächter bemerkten. Schließlich trat er zu Häupten des Königs und gab ihm die Weisung: »Alter, du ahnst wohl nichts Böses, so sanft, wie du schlummerst inmitten tödlicher Feinde, nachdem dir Achilleus Schonung gewährte! Jetzt erkauftest du freilich den Leichnam des Sohnes, sehr teuer; aber für dich, der du lebst noch, bezahlten die dreifache Summe deine zu Hause verbliebenen Söhne, sofern Agamemnon und die übrigen Griechen von deinem Hiersein erführen!« Derart sprach er, der Greis erschrak und weckte den Herold. Rosse und Maultiere schirrte Hermes ihnen ans Fahrzeug, lenkte dann selber sie rasch durch das Lager; es hörte sie niemand. Als sie zur Furt des stattlich fließenden, wirbelnden Stromes Xanthos gelangten, den Zeus, der unsterbliche Vater, einst zeugte, trennte sich Hermes von ihnen, wandte zum hohen Olymp sich. Eos, in goldnem Gewande, erhellte schon weithin den Erdkreis, als sie, mit Stöhnen und Seufzen, die Rosse weiter nach Troja lenkten; die Maultiere zogen den Leichnam. Ihr Kommen bemerkte vorher nicht einer der Männer und reizvoll gegürteten Frauen; nur Kassandra, so schön wie die goldene Kypris, war eben hoch auf die Stadtburg gestiegen, erspähte den Vater, der auf dem Wagen stand, und den Herold, den Rufer von Troja, sah, auf das Maultiergespann gebettet, den Leichnam auch liegen. Jammernd schluchzte sie auf, ihr Schreien durchgellte die Straßen: »Auf, ihr troischen Männer und Frauen, betrachtet euch Hektor, so ihr euch jemals gefreut, wenn er lebend vom Schlachtfelde heimkam, als er der Liebling Trojas noch war und sämtlicher Bürger!« Derart rief sie. Da hielt es niemanden mehr in der Festung, Männer wie Frauen; fortriß sie, unwiderstehlich, die Trauer. Dicht vor dem Tore begegneten sie dem Fahrer des Toten. Auf den rollenden Wagen stürmten vor allen die teure Gattin, mit ihr die würdige Mutter, berührten des Toten Haupt und zerrauften das Haar sich; in Tränen umstand sie die Menge. Und sie hätten den Tag hindurch, bis zum Sinken der Sonne, Hektor noch weiter vor dem Tore beweint und bejammert, hätte der Greis nicht vom Wagen herab dem Volke befohlen: »Gebet mir Raum, daß die Maultiere durchgehen können! Ihr werdet später euch ausweinen, dann, wenn den Toten zum Schloß ich gefahren!«“ Derart sprach er. Sie machten ihm Platz und wichen dem Wagen. Als sie den Toten gefahren hatten zum prächtigen Schlosse, legten sie ihn auf ein stattliches Bett und ließen daneben Vorsänger für die Klagen sich setzen. In schmerzlichen Tönen stimmten die Sänger ihr Trauerlied an, einstimmten die Frauen.“ [Homer: Ilias. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 5408 (vgl. Homer-W Bd. 1, S. 457 ff.) (c) Aufbau-Verlag] ….. König Priamos unterbrach die Klagen und erteilte den Männern eine Weisung; Ilias 24,776ff: „Derart rief sie, in Tränen; mitstöhnte die zahllose Menge. Aber der greise König erteilte dem Volke die Weisung: »Jetzt bringt Brennholz zur Stadt, ihr Troer! Seitens der Griechen fürchtet keinerlei tückischen Anschlag! Achilleus versprach mir, als er mich abfahren ließ von den düsteren Schiffen, er werde nicht vor dem zwölften Tage die Feindseligkeiten eröffnen.« Derart befahl er. Sie schirrten die Maultiere an und die Rinder und versammelten sich sogleich im Vorfeld der Festung. Riesige Holzmassen schleppten, neun Tage, sie emsig nach Troja. Als am zehnten Eos erschien, die den Sterblichen leuchtet, trugen sie weinend heraus den Leichnam des mutigen Hektor, legten ihn hoch auf den Holzstoß und entfachten die Flammen. Als dann aufs neue die rosenfingrige Eos sich zeigte, sammelte sich das Volk um den Holzstoß des ruhmreichen Hektor. Und sobald sie in dichter Schar sich zusammengefunden, löschten zunächst sie das Feuer völlig mit funkelndem Weine über den ganzen Bereich des lodernden Brandes; dann lasen Brüder und Freunde hervor aus der Asche die weißen Gebeine, klagend, und über die Wangen perlten ihnen die Tränen. Und sie bargen die Knochen in einer goldenen Truhe und umhüllten sie fest mit weichen Purpurgewändern; tief in die Grube versenkten sogleich sie die Truhe, darüber deckten sie Steinplatten, dicht aneinander. Den Grabhügel häuften eilig sie auf. Im Umkreis lauerten Späher; man bangte, vorzeitig losbrechen könnten die trefflich gewappneten Griechen. Nach der Errichtung des Grabmals zogen sie heimwärts und nahmen alle gehörig am herrlichen Leichenschmaus teil im Palaste des vom Kroniden begünstigten Priamos, ihres Gebieters. Derart bestatteten sie den rossezähmenden Hektor.“ [Homer: Ilias. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 5441 (vgl. Homer-W Bd. 1, S. 475-476) (c) Aufbau-Verlag] ….. (Die Schilderung des weiteren Verlaufes des Krieges ist der nachhomerischen Literatur entnommen.) Nach der Bestattung des Hektor griffen die Amazonenkönigin Penthesileia und ihre kämpferischen Frauen in den Kampf um Troia ein und kamen Priamos zu Hilfe. In seinem nachhhomerischen Epos „Die Fortsetzung der Ilias“ gibt Quintus von Smyrna 1,19ff die Erklärung warum Penthesilea den Trojanern zu Hilfe kam; sie hatte auf der Jagd unabsichtlich ihre Gefährtin oder Schwester Hippolyte 1 getötet und wurde von den Erinyen verfolgt; Apollodor epit 5,1. Priamos empfing die Frauen höflich in seinem Palast und entsühnte Penthesileia. In einer brutalen Schlacht töte sie viele Griechen, unter ihnen Machaon 1, im Zweikampf wurde Penthesileia aber von Achilleus getötet. In dem Moment, als er ihr das Schwert in die Brust stieß und sie sterbend niedersank ließ Aphrodite die Schönheit dieser Frau hell erstrahlen. Achilleus erkannte ihren Wert, war betroffen von ihrer Schönheit und verliebte sich in die Sterbende (frage nach bei Freud). Ergriffen beweinte er ihren Tod und übergab den Leichnam dem Priamos zur Bestattung; Quintus von Smyrna 1,785ff. Thersites, der Seher, verspottete Achilleus für diese Regung der Seele und erhielt dafür eine achilleische Ohrfeige – sie raubte ihm das Leben. ….. In höchster Not sendete Priamos seinem Bruder Tithonos einen goldenen Weinstock mit der Bitte um Hilfe. Memnon, der Sohn der Eos, der Morgenröte, und des Tithonos, war der myth. König von Aithiopien und erhielt von seinem Vater den Auftrag Priamos im Kampf zu unterstützen; Serv. Aen. 1,489. Er besaß, wie Achilleus, eine vom Gott Hephaistos geschmiedete Rüstung. Als tapferer Helfer seines Onkels traf er mit seinem Heer, nachdem er, wie man erzählte, Ägypten, Arabien und Susa erobert hatte, in Troia ein. Hoch erfreut über die Ankunft seines Neffen (Quintus von Smyrna 2,101ff) hielt Priamos eine Begrüßungsrede; 2,127ff: "Memnon, das gaben mir die Götter, dein Heer und dich selbst in unserem Palast zu sehen. So mögen sie es noch erfüllen, dass ich die Argeier sterben sehe alle zugleich unter deinen Speeren. ...." (Quintus von Smyrna: Der Untergang Troias. Band I. Herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Ursula Gärtner. Edition Antike. Herausgegeben von Thomas Baier, Kai Brodersen und Martin Hose. WBG Darmstadt, 2010.) Und Priamos zeigte ihm einen goldenen Becher, ein Familienstück in der fünften Generation, das Zeus einst dem Dardanos geschenkt hatte und das von Hephaistos angefertigt wurde. Bereits am nächsten Tag stürzten sich die Aithiopier in die Schlacht, Memnon griff den alten weisen Nestor an. Antilochos, der älteste Sohn des Nestor, stürzte sich dazwischen, rettete seinen Vater, wurde aber von Memnon getötet; Homer Odyssee 4,186ff: „Nestors Sohn auch konnte sich nicht der Tränen erwehren; an den untadligen Helden Antilochos mußte er denken, den der stattliche Sohn der strahlenden Eos erlegte.“ [Homer: Odyssee. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 5526 (vgl. Homer-W Bd. 2, S. 54) (c) Aufbau-Verlag] Wütend stürzte sich Achilleus auf den Mörder seines Freundes. Zeus hob die Waage, legte die Lebenslose der beiden hinein, das Schicksal entschied: Achilleus tötete Memnon. Eos nahm weinend ihren toten Sohn in die Arme und übergab ihn zwei Windgöttern, die ihn davontrugen. Seine Kampfgefährten verwandelte Zeus in Vögel. Obwohl Zeus Memnon Unsterblichkeit verlieh, wurde sein Grab, Winde hatten ihn ja davongetragen, in vielen Städten von Äthiopien bis zum Kaukasus gezeigt. Als Erinnerung an seinen gefallenen Neffen ließ Priamos ein Mahnmal errichten; Hesiod frg. 252 Rz. Die Mutter weint heute noch über den Tod ihres Sohnes. Ihre Tränen sind die Tautropfen, die Helios trocknet, wenn Eos, die Morgenröte, die „Rosenfingrige“, gegangen ist. ….. Es scheiden sich heute noch die Geister woher Memnon wirklich kam. Aischylos ließ in seinem verschollenen Drama „Memnon“ Susa die Stadt seiner Herkunft sein. Sein Vater Tithonos soll sie gegründet haben. ….. Quintus von Smyrna 6,119 berichtet, dass auch Eurypylos, der Sohn des mysischen Königs Telephos und der Astyoche 7, einer Schwester des Priamos, den Troiern zu Hilfe geeilt ist; Apollodor E5,12. Seine Mutter versuchte verzweifelt ihn von der Teilnahme am troianischen Krieg abzuhalten. Weil Priamos ihr einen goldenen Weinstock schenkte den Zeus einst dem Laomedon 1 als Ersatz für den geraubten Ganymedes geschenkt hatte, gab sie ihren Widerstand auf. In dem „Eurypyles“ des Sophokles wird diese Bestechung erzählt. Andere Schriftsteller berichteten, dass Priamos die Gemahlin des Eurypylos bestochen oder ihm eine seiner Töchter (bei Diktys Kassandra) versprochen habe. Eurypylos tötete im Kampf Nireus und den Arzt Machaon, bei Quintus von Smyrna 8,111 auch den Menoitios 3, wurde selbst aber von Neoptolemos getötet; Homer Odyssee 11,513ff (Wegen der Tötung des Machaon durfte im Asklepieion von Pergamon sein Name nicht genannt werden.). Der Gefallene wurde im königlichen Palast des Priamos aufgebahrt; Quintus v. Sm. 9,34ff. Die Leichenrede des Priamos erwähnt Sophokles frg. 5,72ff. ….. In späteren romanhaften Ausgestaltungen wurde das Polyxena-Thema eingeschoben (Diktys 4,10ff; Dares, Tzetzes Lykophron 269 u. a.). Der Menschenschlächter Achilleus soll sich in die schöne Priamostochter Polyxena verliebt haben und bereit gewesen sein die Fronten zu wechseln um sie zur Frau zu erhalten. Die Verhandlungen im Hause des Priamos waren verräterisch, Achilleus wurde mit der Zustimmung des Priamos ermordet. Schol. Euripides Troades 16 berichtet von einer Unterredung des Paris mit Achilleus im Tempel des Apollon bei dem Paris über den Auftrag des Vaters Achilleus hinterhältig ermordet haben soll. Damit wurde die spätere Ermordung des Priamos durch Neoptolemos, den Sohn des Achilleus, gerechtfertigt. ….. Der Kampf um die Stadt wurde weiter geführt. Die Prophezeiung der Thetis, der Mutter des Achilleus, erfüllte sich. Während einer Schlacht schoss Paris einen vergifteten Pfeil auf Achilleus. Gott Apollon lenkte das fliegende Geschoß an die Verse, an die einzige Stelle an der Achilleus verwundbar war, und brachte ihm damit de Tod. Entsetzen erfasste die ihres stärksten Kämpfers beraubten Griechen. Die ermüdeten Krieger, seit Jahren schon fern ihrer Lieben, forderten den Abbruch der Kämpfe und eine Rückkehr in die Heimat. In dieser Situation ersann Odysseus, der Listenreiche, die List mit dem hölzernen Pferd. Die Griechen waren mit dieser List einverstanden und Epeios baute mit der Hilfe der Athene das Pferd. Bereits in der Odyssee wird das hölzerne Pferd erwähnt; 8,492ff: „Denn du besingst höchst kunstreich das bittere Schicksal der Griechen, was sie vollbrachten und litten und wie sie sich quälten, als wärest du ein Mitkämpfer oder eines Mitkämpfers Zeuge. Wechsle das Thema und singe vom Bau des hölzernen Pferdes, das Epeios mit Hilfe der Göttin Athene gezimmert, aber der edle Odysseus mit List in die Festung geschafft hat, voll besetzt mit Bewaffneten, die dann Troja zerstörten! Wenn du von diesem Ereignis kunstgerecht mir berichtest, will ich sogleich auch allen Menschen erzählen, daß gnädig dir ein Unsterblicher göttliche Sangesgabe verliehen!« Derart sprach er. Der Sänger hub an, vom Gotte begeistert, damit, wie die Argeier den Brand in ihr Zeltlager warfen und an Bord der trefflich gezimmerten Schiffe von dannen fuhren, jedoch die Schar des ruhmreichen Helden Odysseus heimlich im Bauche des Rosses hockte, inmitten der Troer, hatten es doch die Troer selbst in die Festung gezogen. Ebendort stand es, und ringsum weilten die Feinde und brachten vielerlei Ratschläge vor; drei Meinungen galten vor allen: erstens, das hohle Gebälk zu zerschlagen mit grausamem Erze, oder es, zweitens, vom Rande des Burgbergs hinunterzustoßen, oder, zum dritten, als riesiges Standbild es stehen zu lassen zur Versöhnung der Götter - was dann tatsächlich auch eintrat. Ilion sollte zugrunde gehen, sofern es das große hölzerne Pferd in sich einließ, in dem die tapfersten Griechen saßen, bereit, den Trojanern Tod und Verderben zu bringen.“ ….. Nach einer alten Überlieferung, deren Quelle nicht, die aber in der darstellenden Kunst (Tabula Iliaca A, Kapitolinisches Muesum Rom) beweisbar ist, hat Priamos seine wahrsagende Tochter Kassandra, die schon so oft und auch diesmal wieder ungehört die Troier warnte, wegen „Wehrkraftzersetzung“ in den Turm werfen lassen. ….. Nach dem unter der Hinterlassung des hölzernen Pferdes vorgetäuschten Abzug der Achaier von Troia warnte Laokoon 1 die ratlosen Troer vor diesem Pferd; Vergil Aeneis 2,40ff: „Während des Wortwechsels eilte, mit großem Gefolge, doch allen weit voraus, zornglühend, Laókoon her von der Stadtburg, rief schon von weitem: 'Ihr Elenden, seid ihr denn wahnsinnig, Bürger? Glaubt ihr, fort seien die Feinde? Griechen verteilten Geschenke, ohne Betrug zu verüben? Kennt ihr Odysseus so wenig? Entweder halten sich Griechen versteckt in dem hölzernen Bauwerk, oder es wurde gezimmert als Kampfmittel gegen die Mauern Trojas, zum Einblick in Häuser, zum Angriff von oben, versucht auch einen ganz anderen Trick! Mißtraut dem Pferde, ihr Troer! Jedenfalls fürchte ich Griechen, auch wenn sie Geschenke uns bieten.' Damit schleuderte kraftvoll er seine gewaltige Lanze gegen die Flanke des Tieres und gegen die Bauchhöhlung. Zitternd haftete fest die Waffe im Holz. Es erdröhnte beim Aufprall dumpf das Gebälk, und die Hohlräume stöhnten im Nachhall.“ [Vergil: Lied vom Helden Aeneas. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 17565 (vgl. Vergil-W, S. 165) (c) Aufbau-Verlag] Mit aller Kraft schleuderte er seine Lanze gegen das Pferd, krachend blieb sie stecken. Die Troer glaubten ihm aber nicht. Sie glaubten dem hinterlistigen Gauner Sinon von Tenedos, der ihnen unter Tränen und mit allen Künsten der Verstellung, eine lange Lügengeschichte erzählte. Sie glaubten ihm, dass der Seher Kalchas den Auftrag gegeben habe, dieses Pferd als Wiedergutmachung einer Beleidigung der Athene zu errichten. Sie glaubten ihm auch, dass das Pferd deshalb so groß gebaut wurde, damit es nicht in die Stadt Troia gebracht werden kann. Denn, würden es durch die Hände der Troer in die Stadt gelangen, dann werde Asien die Mauern des Pelops mit Krieg überziehen und Achaia untergehen, Vergil Aeneis 2,57ff. Auf einem bronzenen Halm aus Pompeji (Nationalmuseum Neapel) ist Sinon abgebildet wie er von zwei Troern von Priamos geschleppt wird. ….. Laokoon errichtete einen Altar. Als er Poseidon opferte krochen zwei Schlangen aus dem Meer und umschlangen seine beiden Söhne. Laokoon eilte ihnen zu Hilfe, wurde aber ebenfalls umschlungen und zu Tode gebissen. Die Troer glaubten nun ein Gott habe sich gerächt, weil Laokoon seine Lanze gegen ein Geschenk für Athene geschleudert habe. Sie brachen das skaiische Tor nieder und zogen das hölzerne Pferd auf Befehl (Hygin fab, 108) des Priamos in die Stadt. Auf einem Sarkophagrelief (Oxford Ashmolean Museum) schreitet Priamos bei der Einbringung des Pferdes voran. ….. In der Dunkelheit der Nacht sprangen die Griechen aus dem Pferd, setzten Troia in Brand, zerstörten was sie vorfanden, wüteten wie wahnsinnig und ermordeten, wer nicht in den Häusern verbrannte. Nur wenige konnten der Blutrünstigkeit und den Flammen entkommen. ….. Der Tod des Priamos in seiner brennenden Stadt wird von den Schriftstellern mit leichten Abweichungen erzählt. Einen durchgehenden Bericht gibt Vergil, Aeneis 2,506ff: „Über den Tod des Priamos möchtest vielleicht du noch etwas wissen! Sobald der Greis die Festung erobert, des Schlosses Tore gesprengt, die Feinde im eigenen Hause erblickte, legte die Rüstung er sich, die schon lange beiseite gelegte, über die alterszittrigen Schultern - ganz zwecklos! - und hängte, unnütz!, das Schwert um, begab sich dann todbereit unter die Feinde. Mitten im Schloßhofe unter freiem Himmel erhob sich mächtig des Hauses Altar, überragt von einem uralten Lorbeerbaum, der die Penaten mit seinem Schatten umfaßte. Hekabe, mit ihr die Töchter, drängten sich um die geweihte Stätte, vergeblich, wie Tauben vor düsteren Unwetterwolken jählings fliehen, und klammerten sich an die Bilder der Götter. Als sie den Priamos sah in der Rüstung, wie früher als jungen Krieger, da rief sie: 'Du Ärmster, was planst du an schrecklichem Unheil, daß du die Rüstung dir anlegst? Und wohin reißt dich der Wahnsinn? Solcherlei Hilfe und solche Verteidiger brauchen wir heute nicht mehr, nicht einmal, wenn noch mein Hektor unter uns weilte. Komme doch hierher! Dieser Altar behütet uns alle - oder du stirbst, gemeinsam mit uns!' Und sie zog den betagten König zu sich und wies ihm den Platz an heiliger Stätte. Eben versuchte Polites, einer der Priamossöhne, sich vor dem Tode zu retten. Verwundet schon, zwischen gezückten Waffen und wütenden Feinden, durchlief er den Säulengang, suchte Schutz in der offenen Halle. Ihn jagte mordgierig Pyrrhos, packte ihn jetzt mit der Faust und versetzte ihm tödliche Stöße: Grad noch entronnen dem Tod vor den Augen der Eltern, so brach er nunmehr zusammen, vom Blut überströmt, und verhauchte sein Leben. Priamos, selbst schon vom Tode bedroht, vermochte bei diesem Anblick nicht länger zu schweigen, nicht länger die Wut zu verdrängen. 'Dieses Verbrechen', so rief er, 'diesen schamlosen Frevel mögen die Götter - denkt man im Himmel gerecht noch bei solcher Schandtat - dir lohnen, gebührend und deinem Handeln entsprechend: Hast du doch meinen Sohn vor meinen Augen ermordet, hast durch den Anblick des Toten das Antlitz des Vaters geschändet. Anders verhielt sich dem Feind gegenüber der tapfre Achilles, den du zu Unrecht als Vater bezeichnest. Er achtete eines Flehenden Recht und Vertrauen, er gab mir den Leichnam des Sohnes Hektor zurück und ließ mich wieder nach Ilion ziehen!' Damit entsandte der Greis die Lanze auf Pyrrhos, doch schwächlich; wirkungslos prallte sie auf die dröhnende Bronze des Schildes, blieb dann am Schildbuckel hängen, ohne Wunden zu schlagen. Höhnend entgegnete Pyrrhos: 'So bringe als Bote denn meinem Vater die Nachricht, erzähl ihm von meinen schäbigen Taten, sag ihm, auf welche Weise ihm Pyrrhos Unehre machte! Stirb!' Mit den Worten riß er den Zitternden, der in des Sohnes Blutlache ausglitt, hin zum Altare, krallte mit seiner Linken ihm fest in das Haar, erhob mit der Rechten die blanke Klinge und senkte dem Alten sie tief in die Brust, bis zum Griffe. So starb Priamos, sollte, gemäß dem Willen des Schicksals, noch vor dem Tode Troja in Flammen und Pergamon stürzen sehen, der einst auf so zahlreiche Völker und Landmassen stolze Herrscher von Asien. Nunmehr liegt der stattliche Körper dicht am Gestade, enthauptet, namenlos, faulender Rumpf nur.“ [Vergil: Lied vom Helden Aeneas. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 17591 (vgl. Vergil-W, S. 180 ff.) (c) Aufbau-Verlag] Die entsetzte Hekabe nahm Neoptolemos / Pyrrhos gefangen und schenkte sie dem Odysseus. ….. Auf vielen Amphoren, Spiegeln, Vasen, Gold- und Silberbechern, Tempelgiebeln u. dgl. wurden das Wirken und die Lebensphasen des Priamos dargestellt. In Pompeji sind mehrere Gemälde erhalten, drei davon zeigen die Einbringung des hölzernen Pferdes. Die beliebtesten Themen waren der um den Leichnam seines Sohnes Hektor Bittende und der Tod des Priamos. Der von Schliemann ausgegrabene legendäre und derzeit in Moskau lagernde „Schatz des Priamos“ ist, nach neuesten Erkenntnissen amerikanischer Archäologen, zwischen 2200 bis 2100 v. Chr. hergestellt worden, also ca. 900 bis 1000 Jahre älter als von Schliemann angenommen. ….. Troia ist eine historische Stadt deren Reste noch heute auf dem Hissarlikhügel in der Nordwesttürkei liegen. Dass diese ca. 1200 v. Chr. untergegangene Stadt einen letzten König gehabt hat ist anzunehmen. Ob dieser König Priamos war ist heute noch Gegenstand der Forschung.