eine gesamtgenealogie der griechisch-mediterranen mythologie
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dido
DIDO / THEIOSSO / ELISSA Tochter des tyrischen Königs Belus / Belos (Vergil Aeneis 1,621 und öfters) / Mutto oder Methres, Schwester des Pygmalion 1 und der Anna, Gattin des Sicharbal / Acherbas / Sychaeus. Sie hat ursprünglich „Theiosso“ und später, dann phoinikisch, „Elissa“ geheißen. Die libyschen Ureinwohner gaben ihr den Namen Deido / Dido, den dann Vergil in seiner Aeneis verwendete. ….. Da die Namen Dido, Elissa, Anna, Mutto, Acherbas u. s. w. semitischen Ursprungs sind wird angenommen, dass diese Elissasage Elemente eines phönizischen Mythos enthält, bzw. dass Dido ursprünglich eine phönizische Gottheit, u. U. der ehelichen Treue, gewesen ist. Meltzer vertritt die Annahme, dass Elissa und Sicharbal ursprünglich ein karthagisches Götterpaar gewesen ist, das unter griechischem Einfluss vermenschlicht wurde. Die Selbstverbrennung der Elissa führte zu ihrer Vergöttlichung, sie wurde zur Stadtgöttin von Karthago und mit der autochthonen libyschen Totengöttin Tanit gleichgestellt. ….. Die ursprüngliche Gründungssage der Stadt Karthago wird von Timaios überliefert, ist aber leider nur in Bruchstücken erhalten: Aus Habgier ermordet Pygmalion 1, der König von Tyros, seinen, hier namenlosen Onkel und Gemahl seiner Schwester Theiosso / Elissa. Die Witwe flieht mit den Schätzen ihres Gatten und einigen Begleitern nach Lybien und gründet dort Karthago. Die Ureinwohner gaben ihr den Namen Deido. Als der libysche Barbarenkönig ihre Hand verlangte und dabei von ihren tyrischen Gefährten unterstützt wurde, entzog sie sich aus Treue zu ihrem ermordeten Gatten dieser Verbindung durch Selbstverbrennung auf einem Scheiterhaufen. ….. Zitat aus Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaften, Band IV A 1, Seite 1013: - In die Lücke tritt hier das ziemlich eingehende Exzerpt des Justinus aus den philippischen Geschichten des Trogus Pompeius ein (XVII 4-6). Der Gatte der Elissa heißt hier Sicharbas (so ist mit Gutschmid Kl. Schr. II 64 für das überlieferte „Acherbas“ einzusetzen), ist Oheim der beiden königlichen Geschwister von Tyros und als Priester des Herakles der erste Mann nach dem König. Die Gier nach dem großen verborgenen Schatz veranlaßt den Neffen, ihn ermorden zu lassen. Elissa hält sich in gerechtem Zorn lange Zeit vom Hofe fern. Endlich fasst sie mit einigen unzufriedenen Großen zusammen den Plan zur Flucht. Sie kündigt ihrem Bruder die Absicht an, wieder zu ihm zurückzukehren, und erhält von ihm Schiffe und Begleiter für die Seereise. Unterwegs veranlasst sie die Leute zur Versenkung einiger schwerer Säcke, in denen Sand ist, und spielt ihnen eine Komödie vor. Sie ruft den Toten Gatten zur Entgegennahme der für ihn versenkten Schätze, die ihm das Leben gekostet hätten, und weiß dann ihre Begleiter durch die Drohung mit der Rache des habgierigen Königs für die angeblichen Schätze zu Genossen der Flucht zu gewinnen. Nach der Gründung von Karthago begehrt auch hier der Afrikanerfürst Iarbas ihre Hand und wird von den Karthagern darin unterstützt. Da gibt die Königin scheinbar nach, rüstet dem verstorbenen Gatten ein großes Totenopfer zur Sühne der Untreue und begeht dann auf dem Scheiterhaufen Selbstmord mit dem Ruf: „Ich gehe zum Gatten, wie Ihr mich geheißen“. ….. Diese ursprüngliche Sage wurden später natürlich erweitert u. a. mit: - Ihr Bruder Pygmalion 1 tötet aus Habgier Didos Gatten Acherbas. Dido flieht mit den Schätzen des Gatten und in Begleitung mehrerer Adeliger nach Kypros (Zypern). Nach dortigem Brauch (Aphrodite stieg dort aus dem „Meerschaum“ – letztes Ejakulat des Kronos) gaben sich 90 Jungfrauen den Begleitern Didos hin. Durch den Raub dieser Kypierinnen wurden sie zu den Stammmüttern Karthagos. - Pygmalion soll seinen Onkel und Schwager bei der Jagd ermordet und in eine Schlucht gestürzt haben. - In Lybien kaufte Elissa so viel Land, „wie mit einer Rindshaut bedeckt werden kann“ (genauer umgeben werden kann). Sie ließ die Rindshaut in feinste Streifen schneiden, umgab damit auf einer Halbinsel ein Grundstück und gründete auf einem Hügel die Stadt Byrsa (= Fell), die später den Namen Karthago erhielt. Byrsa wurde dann nur noch der Hügel im Zentrum der Stadt genannt (und so heißt er heute noch). ….. Vergil verwendete diese Sage, änderte sie in dichterischer Freiheit ab, führte die Figur des Aineias ein und machte sie zum Bestandteil seiner „Aeneis“. Vergil Aeneis 1,336ff: „Da sprach Venus: »Ich habe kein Recht auf göttliche Ehrung. Mädchen von Tyros tragen gewöhnlich den Köcher und schnüren purpurne Jagdstiefel hoch um die Waden. Hier hast du vor Augen punischen Herrschaftsbereich, die Festung Agenors und Tyrier. Libyen heißt das Gebiet, sein Volk sind trotzige Krieger. Dido regiert. Sie stammt aus Tyros, geflohen vor ihrem Bruder. Langwierig ist die Geschichte des Unrechts, der Hergang ziemlich verwickelt. Ich möchte dir nur das Wichtigste sagen. Dido war mit Sychaios vermählt, Phöniziens reichstem Grundbesitzer. Ihn liebte heiß die bemitleidenswerte Herrin; sie hatte noch keiner begehrt, bevor sie der Vater jenem zur Frau gab. Doch über Tyros herrschte der Bruder Didos, Pygmalion, ein ganz außergewöhnlicher Schurke. Rasender Haß auf den Gatten befiel ihn, und vor dem Altare, gottlos, vor Geldgier blind, aus dem Hinterhalt, schlug er den völlig Arglosen tot; so gleichgültig war ihm die Liebe der Schwester. Lange verheimlichte er die Schandtat und täuschte mit leeren Hoffnungen tückisch die unverwandt liebende traurige Gattin. Aber im Traume erschien ihr der unbestattete Tote, wandte gespenstisch sein bleiches Gesicht ihr entgegen, enthüllte, was am Altar an Greueln geschehn, wie der Stahl ihn durchbohrte, deckte rückhaltlos auf den verborgenen Schandfleck des Hauses. Schleunige Flucht aus der Heimat riet er danach der Gemahlin, nannte als Mittel zur Reise ihr alte, im Erdreich verborgne Schätze an Gold und Silber, von denen kein anderer wußte. Dido entschloß sich zur Flucht und suchte sich treue Gefährten. Bitterer Haß auf den Herrscher, lähmende Furcht auch vereinte viele. Seetüchtiger Schiffe bemächtigten sie sich, beluden sie mit dem Golde, entführten den Schatz vor der Habgier des Fürsten über das Meer. Es lenkte Dido als Frau das Geschehen. Dorthin gelangten sie, wo du jetzt siehst die gewaltigen Mauern, auch das allmähliche Wachsen der Burg des neuen Karthago; so viel vom Boden hatten gekauft sie - es heißt ja auch Byrsa -, wie man mit einer Stierhaut bequem zu umfassen vermochte. Aber zu euch jetzt: Wer seid ihr? Von woher seid ihr gekommen? Wohin führt euch der Weg?« So fragte sie.“ [Vergil: Lied vom Helden Aeneas. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 17539 (vgl. Vergil-W, S. 149 ff.) (c) Aufbau-Verlag] Um nicht mit dem lybischen König Hirabas oder Jarbas vermählt zu werden stürzte sie sich in einen Scheiterhaufen. ………. Wer die Begegnung mit Aineias und die Liebesgeschichte der beiden erfunden hat ist bis heute ungeklärt. Bei Vergil verschlägt es Aineias mit seinen Schiffen bei einem fürchterlichen Sturm nach Libyen. Er begegnet Dido, der Königin von Karthago, und Venus bittet Amor, ihren Sohn und Halbbruder des Aineias, den beiden Liebe in die Brust zu senken; Vergil Aeneis 1,655ff: „Doch Kythereia schmiedete zusätzlich listige Pläne: In der Gestalt des hübschen Ascanius sollte Cupido kommen, nicht kenntlich als Liebesgott, sollte mit diesen Geschenken Dido zu tiefer, leidenschaftlicher Neigung entflammen; vor der Verlogenheit der Familie bangte die Göttin wie vor der Falschheit der Tyrier, auch vor der Erbitterung Junos, die ihr die Nächte vergällte. Sie sprach zum geflügelten Amor: »Junge, der du den Blitz des erhabenen Vaters verachtest, Junge, der ganz allein du meine Allmacht verkörperst, biete mir Zuflucht und leiste mir Hilfe, ich bitte dich dringend! Wie auf dem Meere dein Bruder Aeneas vom Haß der ergrimmten Juno verschlagen wurde an alle möglichen Küsten, ist dir bekannt; oft teiltest du meinen schmerzlichen Ärger. Ihn umgarnt jetzt die Punierin Dido mit schmeichelnden Worten. Aber ich sehe schon, was die Gastfreundschaft Junos bedeutet. Nie wird Juno bei solcher Wendung untätig bleiben. Deswegen will ich beizeiten die Fürstin zu glühender Neigung reizen - ihr darf kein Unsterblicher diese Empfindung zerstören, sondern sie soll so innig wie ich den Helden Aeneas lieben. Vernimm jetzt, wie ich die Erfüllung der Absicht mir denke! Eben jetzt rüstet mein Liebling Ascanius sich, in dem Auftrag seines Vaters, zum Gang nach Karthago, mit jenen Geschenken, die man den Flammen Trojas entriß und dem Wüten des Meeres. Einschläfern möchte ich ihn, auf den Höhen der Insel Kythera oder im Tempel Idalions dann den Jungen verstecken; keinesfalls darf er die Täuschung bemerken und Störenfried werden! Nimm sein Aussehen an und zeige sein wohl dir bekanntes Antlitz, du brauchst nur für eine Nacht die Rolle zu spielen. Setzt an der fürstlichen Tafel, beim Trunk des Lyaios, dich Dido freudig erregt auf ihren Schoß, umarmt sie dich innig, heftet auf deine Lippen dir zärtliche Küsse, dann hauche heimliche Gluten ihr ein und errege ihr Liebesgefühle!« Amor gehorchte dem Auftrag der teuren Mutter. Die Schwingen legte er ab und ging mit Freuden zu Fuß, wie Iulus. Venus indessen versenkte Ascanius friedlich in Schlummer, liebevoll barg sie im Schoß ihn und trug zu Idalions Wäldern hoch ihn hinauf. Dort umfing Majoran ihn zärtlich mit seinen Blüten und schmeichelte ihm mit köstlich duftendem Schatten. Nunmehr brachte, getreu der Weisung, Cupido des Königs Gaben den Tyriern, mit heitrem Gesicht, geführt von Achates. Als er eintraf, hatte die Königin Platz schon genommen auf dem vergoldeten Sofa, inmitten des Saales, den prachtvoll Teppiche schmückten. Aeneas und seine Trojaner erschienen gleichzeitig; auf den purpurnen Decken ließ man sich nieder. Wasser zum Waschen der Hände brachten die Diener, verteilten Brot dann aus Körben, auch Handtücher von geschorener Wolle. Fünfzig Mägde wirkten im Schloß, um die Speisen in Menge ordentlich anzurichten, die Herdfeuer sorglich zu nähren. Weitere hundert und ebensoviele gleichaltrige Diener legten die Speisen den Sitzenden vor und reichten die Becher. Zahlreich auch waren die Tyrier geströmt in die festliche Halle, hatten, gebetene Gäste, gesetzt sich auf farbig gestickte Polster, bewunderten des Aeneas Geschenke, bestaunten auch den Iulus, die feurigen Blicke, sein zwanglos-geschicktes Plaudern, den Mantel, den gelb mit Akanthos gemusterten Umwurf. Aber besonders die schon dem nahenden Unglück geweihte Dido vermochte nicht satt sich zu sehen. Der Anblick entfachte immer noch stärker ihr Sehnen. Die Gaben, der Junge - dies beides traf sie zutiefst. Noch hing das Kind am Hals des Aeneas, stillte die Neigung seines vermeintlichen Vaters. Dann freilich glitt es zur Königin hin. Mit den Augen, dem Herzen verhaftet, koste im Schoß sie den Kleinen, die Arme, ohne zu ahnen, was für ein Gott ihr schmeichelte. Aber Cupido vergaß nicht, was ihm die Mutter auftrug, er ließ das Bild des Sychaios langsam verblassen, suchte anstatt der erkaltenden alten Liebe die darbende Fürstin mit einer neuen zu fesseln.“ [Vergil: Lied vom Helden Aeneas. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 17557 (vgl. Vergil-W, S. 160 ff.) (c) Aufbau-Verlag] …. Entsprechend dem Willen der Göttin verliebte sich Dido heftig in Aineias; Aeneis 4,1ff: „Aber die Königin, längst schon von heißem Verlangen gepeinigt, nährte im Innern den Schmerz und schmolz an heimlichen Flammen. Immer aufs neue beeindruckten sie die Taten, die hohe Abstammung ihres Gastes. Tief eingeprägt waren ihr seine Miene, sein Wort, und ihr Sehnen verwehrte ihr, friedlich zu schlummern. Schon überstrahlte Aurora das Land mit dem Lichte des Phöbus, hatte bereits vom Himmel verjagt die triefenden Schatten. Da sprach Dido bekümmert zur treuen, liebenden Schwester: »Anna, mich schrecken Traumbilder, lassen mich zweifeln und schwanken. Was für ein seltsamer Gastfreund betrat doch unsere Wohnstatt, aufrecht die Haltung und würdevoll, mutig sein Planen und Kämpfen! Unbeirrt glaube ich jetzt, daß sein Stammbaum auf Götter zurückführt. Furcht entlarvt die gemeinen, die niedrigen Seelen. Er mußte Schreckliches durchmachen! Stehen im Kampf bis zum bitteren Ende! Hätte ich mich nicht unumstößlich entschlossen, mich niemals wieder an einen Ehegefährten zu binden, seit einmal grausam die erste Liebe durch bitteren Tod mich enttäuschte, wäre die Brautkammer mir nicht verhaßt wie die Fackel der Hochzeit, könnte ich heute vielleicht der Schuld des Treubruchs erliegen.“ [Vergil: Lied vom Helden Aeneas. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 17649 (vgl. Vergil-W, S. 215) (c) Aufbau-Verlag] …. Dido wurde zum Opfer des Willens der Venus. Aber auch Juno, die große Feindin des Aineias, die die Ankunft des Aineias in Italien mit allen Mitteln verhindern wollte, spielte ihr Ränkespiel; Aeneis 4,88ff: „Juno, die teure Gemahlin Jupiters, sah, wie die Fürstin Qualen erlitt, wie ihr Sehnen nicht einmal die Nachrede scheute. Ohne zu säumen, richtete sie an Venus die Worte: »Wirklich, glänzenden Ruhm und reiche Beute gewinnt ihr, du und dein Sprößling; eine recht hohe, denkwürdige Ehre, wenn zwei Götter durch List ein einzelnes Weib überwinden! Doch ich durchschaue sehr wohl, daß aus Furcht vor unseren Mauern du die erhabene Stätte Karthagos heftig beargwöhnst. Aber wie endet der Streit? Wozu noch mit Anstrengung kämpfen? Wollen wir jetzt nicht lieber ewigen Frieden und einen Ehebund stiften? Besitzt du doch, was du nach Kräften erstrebtest: Dido entbrannte in Liebe, verfiel der Leidenschaft völlig. Lasset uns deshalb gemeinsam dies Volk und mit gleicher Befugnis lenken, möge die Fürstin dem Gatten aus Phrygien dienen, deiner Rechten die Tyrier anvertrauen als Mitgift!« Venus begriff, daß Juno heuchelte, daß sie die ferne Weltherrschaft Roms auf die Küsten Libyens ablenken wollte. Daher entgegnete sie: »Wer könnte so töricht sich zeigen, daß er dein Ansinnen ablehnte, lieber gegen dich kämpfte? Wenn nur das Schicksal den Plan, wie du ihn mir darlegst, begünstigt! Aber ich zweifle am göttlichen Willen: Ob Jupiter eine Stadt für die Tyrier wünscht und die Flüchtlinge Trojas, ein Bündnis zwischen den Völkern und eine Vermischung ihres Geschlechtes? Du bist seine Gemahlin, du darfst ihn mit Bitten bestürmen. Los denn, ich folge!« Ihr gab die Herrscherin Juno zur Antwort: »Ich übernehme die Ausführung, möchte dir kurz nur erklären - gib jetzt, ich bitte dich, acht! -, wie der Plan sich verwirklichen ließe. Held Aeneas, mit ihm die vom Unglück geschlagene Dido wollen zur Jagd die Wälder durchstreifen, sobald sich die Sonne morgen erhebt und den Erdkreis mit ihren Strahlen erleuchtet; über sie werde ich düsteren Regen und Hagelschlag bringen, während die Treiber in Eile den Wald mit Netzen umspannen, werde mit Donnerschlägen den Himmel in Aufruhr versetzen. Sämtliche Jagdgenossen entfliehen, verschwinden im Dunkel. Dido allein und der Troerfürst finden Zuflucht in einer Höhle. Dort bin ich zugegen, und kommst du mir freundlich zu Hilfe, werde ich Dido zu fester Ehe als Frau ihm verbinden. Hochzeitstag sei es für beide.« Venus stimmte dem Vorschlag ungesäumt zu und lächelte über die listige Planung.“ [Vergil: Lied vom Helden Aeneas. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 17654 (vgl. Vergil-W, S. 218 ff.) (c) Aufbau-Verlag] …. Und der Plan gelang natürlich; Aeneis 4,160ff: „Während der Jagd begann es am Himmel dröhnend zu donnern, anschließend regnete es, und Hagel prasselte nieder. Angstvoll zerstoben die Jäger aus Tyros und Troja, mit ihnen auch der dardanische Enkel der Venus, und suchten ein Obdach sich an verschiedenen Stellen. Zu Tale rauschten die Wasser. Dido und Ilions Fürst begegneten sich in derselben Höhle. Da gaben Tellus zuerst und die Herrin der Ehe, Juno, das Zeichen. Dann leuchteten Blitze und, Zeuge der Hochzeit, flammte der Äther. Vom höchsten Berggipfel jauchzten die Nymphen. Dieser Tag erschloß den Weg zum Tode, zum Unheil. Dido verschmähte die Rücksicht auf Anstand und trefflichen Leumund, strebte nicht länger nach einer verstohlenen Liebeserfüllung. Nein, sie bemäntelte Schuld mit dem würdigen Namen der Ehe.“ [Vergil: Lied vom Helden Aeneas. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 17657 (vgl. Vergil-W, S. 219 ff.) (c) Aufbau-Verlag] …. Doch Fama, die Göttin des bösen Gerüchtes und der Verleumdung, mischte sich in das Geschehen, flog von Haus zu Haus und zerstörte den guten Ruf der Königin; Aeneis 4,175ff: „Ohne Verzug durcheilte Fama Libyens große Städte, Fama, sämtlicher Unheilsgöttinnen schnellste. [……………………………………………..]Ein Scheusal wurde sie, fürchterlich, riesig. Soviel an den Schwingen ihr Federn haften, so viele wachsame Augen besitzt sie darunter, ebenso viele Zungen und schwatzende Mäuler und ständig lauschende Ohren - ein Wunder! Nachts fliegt sie, bei Dunkelheit, zwischen Himmel und Erde und zischelt, verschmäht den erquickenden Schlummer. Tagsüber hockt sie als Aufpasser lauernd an Dachfirsten oder ragenden Türmen und setzt auch mächtige Städte in Schrecken, hält die Verzerrung und Lüge nicht weniger fest als die Wahrheit. Nunmehr verbreitete freudig sie neue weltweite Gerüchte, mengte, ganz unterschiedslos übertreibend, Falsches und Wahres: Angelangt wäre Aeneas, der Held von troischem Stamme, Dido, die strahlende Fürstin, hätte zum Mann ihn erkoren; über den langen Winter hin lebten sie nur dem Vergnügen, hätten die Pflichten des Herrschers vergessen aus schimpflicher Neigung. Unter das Volk trug solche Lügen die schreckliche Göttin, wandte sich dann geradenweges zum König Iarbas, hetzte ihn auf und entflammte zur Wut ihn mit ihrem Gerede.“ [Vergil: Lied vom Helden Aeneas. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 17658 (vgl. Vergil-W, S. 220 ff.) (c) Aufbau-Verlag] …. Vor Jahren hatte König Jarbas, er hatte Dido nach ihrer Flucht aus der Heimat einen Teil seines Reiches verkauft damit sie ein neues Reich errichten und Karthago gründen konnte, um ihre Hand angehalten. Die Königin hatte ihn aber, und mit ihm viele andere afrikanische Fürsten, abgewiesen. Tief gekränkt betete Jarbas zum Jupiter, der Allmächtige erhörte ihn; Aeneis 4,220ff: „Danach erteilte er dem Mercurius folgenden Auftrag: »Mache dich auf, mein Sohn, entbiete den Zephyr und fliege! Sprich den dardanischen Fürsten, der jetzt in Karthago sich aufhält, ohne an die ihm vom Schicksal verliehenen Städte zu denken, und überbring durch die flüchtige Luft ihm meine Befehle! Keineswegs ist er der Held, den die Schönste der Mütter mir einstmals zusprach, den deshalb sie zweimal vor griechischen Waffen bewahrte. Nicht doch, er sollte das waffendurchklirrte Italien, die Wiege künftiger Reiche, regieren, vom hohen Geschlechte des Teukros selber ein Volk hervorbringen, dann sich die Welt unterwerfen! Kann ihn der Ruhm so herrlicher künftiger Taten nicht reizen, rührt er sich nicht um eigner preiswürdiger Leistungen willen - gönnt er die Burgen von Rom dem Ascanius nicht, als der Vater? Was beabsichtigt er? Was verspricht ihm die Rast bei den Feinden? Will er die Enkel vergessen, die Römer, und Latiums Fluren? Absegeln soll er! So lautet mein Auftrag. Verkünde ihm diesen!« Derart befahl er. Der Bote, gehorsam dem mächtigen Vater, rüstete gleich sich zum Aufbruch. …“ [Vergil: Lied vom Helden Aeneas. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 17661 (vgl. Vergil-W, S. 222 ff.) (c) Aufbau-Verlag] …. Eilig flog er durch die Lüfte vom Olymp nach Karthago zu Aineias; Aeneis 4,260ff: „Als er auf seinen geflügelten Füßen Karthago erreichte, sah er Aeneas beim Bau der Befestigungswerke und neuer Häuser beschäftigt. Sein Schwertgriff leuchtete gelblich von Jaspis, der von den Schultern ihm wallende Mantel glänzte von Purpur tyrischer Arbeit, Geschenken der reichen Dido. Sie hatte selbst das Gewebe durchwirkt mit feinen goldenen Fäden. Ohne Verzug unterbrach ihn der Bote: »Grundmauern legst du jetzt für das hohe Karthago und baust als Weiberknecht eine herrliche Stadt? Vergaßest die Pflicht und die eigene Herrschaft? Jupiter, Herrscher der Götter, der Lenker von Himmel und Erde, schickt mich als Bote zu dir vom hellen Olympus hernieder, Jupiter sendet durch flüchtige Lüfte dir seine Befehle: Was beabsichtigst du? Was verspricht dir die Muße in Libyen? Kann dich der Ruhm so herrlicher künftiger Taten nicht reizen, rührst du dich nicht um eigner preiswürdiger Leistungen willen, denk an den Sohn, der heranwächst, und denk an das lockende Erbe deines Iulus; ihm soll die Herrschaft in Rom und Italien zufallen!« Derart entledigte sich der Kyllenier seines Auftrags, entzog sich dann ohne weiteres menschlichen Blicken, löste in weiter Ferne sich auf zu hauchdünnem Dunste.“ [Vergil: Lied vom Helden Aeneas. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 17663 (vgl. Vergil-W, S. 223 ff.) (c) Aufbau-Verlag] …. Aineias, zu tief bestürzt, wankelmütig und feige, rief drei seiner Gefährten zu sich und befahl ihnen die Abreise vorzubereiten; Aeneis 4,283ff: „Zu sich berief er Mnestheus, Sergestos, den tapfren Serestos, hieß insgeheim sie zum Auslaufen rüsten, am Strand die Gefährten sammeln, die Waffen ergreifen, den Grund für die Maßnahmen aber tunlich verschweigen. Da Dido, die edle Fürstin, nichts ahne, mit dem Zerreißen der Liebesbande auch keineswegs rechne, wolle er sie in der Zwischenzeit sprechen, den günstigsten Zeitpunkt suchen, die richtige Form auch für seine Erklärungen. Willig gingen sogleich die Gefährten daran, den Befehl zu befolgen.“ [Vergil: Lied vom Helden Aeneas. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 17664 (vgl. Vergil-W, S. 223 ff.) (c) Aufbau-Verlag] …. Doch die Königin erkennt die List, stellt Aineias zur Rede, bittet, fleht, verzweifelt bis zum Wahnsinn und verflucht den Treuelosen; Aeneis 4,297ff: „Aber die Königin spürte die List - denn Liebende lassen schwerlich sich täuschen - voraus, sie erfaßte den nahenden Aufbruch, mißtraute selbst der Treue. Die gleiche lieblose Fama trug der Erbitterten zu, daß die Flotte zum Auslaufen rüste. Außer sich vor Empörung durchstürmte sie rasend die ganze Stadt, so erregt wie eine Bakchantin nach dem Ergreifen geweihten Tempelgeräts, wenn den Ruf des Bacchus sie hört, wenn die Festlust - alle zwei Jahre - sie spornt, der Kithairon zur Nachtzeit sie lärmend lockt. Doch endlich stellte sie den Geliebten zur Rede: »Wähntest du etwa, ein solches Verbrechen verhehlen zu können, wolltest, Verräter, stillschweigend aus meinem Lande dich stehlen? Hält dich nicht unsere Liebe, nicht deine durch Handschlag verbürgte Zusage, nicht der grausame Tod, der Dido erwartet? Auslaufen läßt du die Flotte noch unter den Wintergestirnen. drängst auf die hohe See im Brausen der Nordstürme, ohne jedes Gefühl? Ja, zögest du nicht in fremde Gebiete, fremde Behausungen, stünde das alte Troja noch aufrecht - würdest nach Troja du segeln über die stürmischen Wogen? Fliehst du etwa vor mir? Bei meinen Tränen, bei deiner Rechten - ich Elende ließ mir nichts andres mehr übrig -, bei unsrem Ehebund, besser: bei unsrer erst halb vollzognen Vermählung, tat ich ein wenig an Gutem dir nur und empfingst du ein wenig Liebe: Erbarme dich meines wankenden Hauses - ich flehe, sollte das Flehen noch nützen -, ändre den schrecklichen Vorsatz! Deinetwegen hassen mich Libyer, Numiderfürsten, Tyrier sogar, und deinetwegen entsagte ich meiner Scham wie dem trefflichen Leumund, der einst mir den Weg zu den Sternen bahnte. Wem willst du mich Todgeweihte jetzt preisgeben, Gastfreund - bleibt mir doch diese Bezeichnung allein noch übrig vom Gatten? Soll ich noch warten? Bis etwa mein Bruder Pygmalion meine Mauern zertrümmert? Der Fürst der Gätuler, Iarbas, mich wegschleppt? Hätte ich wenigstens, ehe du abfährst, ein Kind noch empfangen dürfen von dir und spielte ein kleiner Aeneas in meiner Hofburg, in dem ich, nach deiner Flucht, dein Ebenbild sähe: Keinesfalls schiene ich dann mir so elend getäuscht und verlassen!« [Vergil: Lied vom Helden Aeneas. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 17665 (vgl. Vergil-W, S. 224 ff.) (c) Aufbau-Verlag] …. Die einst hingebungsvolle Verliebte, jetzt zutiefst Verletzte, bei ihrem Volk und den benachbarten Fürsten Verleumdete, lässt alles was ihr im Leben lieb und wertvoll war auf einen Haufen werfen, lässt ihr Bett obenauf stellen, legt sich auf die Stätte der schönsten Stunden und findet den gesuchten Tod von eigener Hand, vergeht in den Flammen der brennenden Kostbarkeiten; Aaeneis 5,1ff: „Sicher verfolgte Aeneas auf hoher See schon mit seiner Flotte den Kurs und durchschnitt vor dem Nord die sich kräuselnden Wellen. Hinter sich sah er die Mauern im Schimmer der Flammen, die eben Didos Gebeine verzehrten. Den Anlaß des mächtigen Feuers wußte zwar niemand. Doch drückten der Kummer, eine so heiße Liebe verraten zu haben, die Kenntnis auch, wessen gekränkte Frauen sich fähig erweisen, schmerzlich die Stimmung der Teukrer.“ ….. Als Aineias, dem Auftrag des Geistes seines Vaters folgend, nach der Ankunft in Italien mit der Sibylle von Cumäa in die Unterwelt hinab stieg, traf er den „Fluren der Trauer“, jener Abteilung, in der die unglücklich verliebten Verstorbenen verweilen, den Schatten der Dido; Aeneis 6,449ff: „Unter den Schatten durchirrte, mit frisch noch blutender Wunde, auch die Phönizierin Dido das Dickicht. Sobald ihr Aeneas nahekam und durch die kaum durchdringbare Nacht sie erkannte - wie man bei Monatsbeginn den Mond durch düstere Wolken aufsteigen sieht, nein, besser, sich einbildet, ihn zu erblicken -, kamen ihm Tränen, er sagte zu ihr voll inniger Liebe: »Unglückgeschlagene Dido, so stimmt die Nachricht, du wärest nicht mehr am Leben, du hättest dich selber durchbohrt mit dem Schwerte? Wehe, verschuldete ich, daß du starbst? Ich kann bei den Sternen schwören, den Himmlischen, allem auch, was man im Erebus anruft: nur widerstrebend, Herrin, schied ich von deinem Gestade. Doch die Befehle der Götter, die jetzt mich zum Gang durch die Schatten, Stätten voll Moder und Schmutz, durch nächtliche Düsternis zwingen, trieben gewaltsam mich fort. Ich konnte wahrhaftig nicht glauben, daß dir mein Aufbruch so furchtbare Qualen zufügen würde. Bleibe doch stehen! Lasse mich, bitte, dich schauen! Du möchtest fliehen vor mir? Hier gönnt mir das Schicksal, dich letztmals zu sprechen.« Derart versuchte Aeneas den glühenden Zorn und die finstren Blicke Didos freundlich zu mildern, selbst bitterlich weinend. Abgewandt, hielt sie die Augen fest auf den Boden geheftet, zeigte von seinen Worten sich ebenso wenig beeindruckt wie ein gefühlloser Kieselstein oder marpesische Klippen. Heftig wandte sie schließlich sich ab und suchte erbittert Zuflucht im schattigen Hain, wo ihr einstiger Gatte Sychaios ihre Gefühle erwiderte, würdiger Partner der Liebe. Aber Aeneas auch blickte, von dieser Trennung erschüttert, lange in Tränen ihr nach; ihn schmerzte ihr Scheiden aufs tiefste.“ [Vergil: Lied vom Helden Aeneas. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 17764 (vgl. Vergil-W, S. 282 ff.) (c) Aufbau-Verlag] …… Ovid: Briefe berühmter Frauen (Heroides). VII. Dido an Aeneas [Horch auf Elissas, der sterbenden, Lied, du, o Dardanus' Sprößling; Dies ist das letzte von ihr, was sie zu lesen dir gibt.] So singt, hingestreckt auf sumpfigem Rasen, der weiße Schwan an Mäanders Gestad, wenn das Verhängnis ihn ruft. Auch nicht red ich zu dir, als hofft ich, mit Flehn dich zu rühren; Daß ich's tue, darob zürnen die Götter sogar. Aber verlor ich Verdienste und Ruf und des Leibs und der Seele Keuschheit schmählich, so wird Worte verlieren mir leicht. Willst du von dannen doch ziehn und Dido verlassen, die Ärmste; Segel und Schwüre, dahin trägt sie der nämliche Wind. Ja, mit dem Bündnis zugleich willst du lösen die Anker, Aeneas, Suchen Italias Reich, da du nicht weißt, wo es liegt. Weder das neue Karthago noch seine sich dehnenden Mauern Reizen dich noch die Macht, welche mein Zepter dir bringt. Stehenden Mauern entfliehst du, und noch zu erbauende suchst du, Suchst dir ein neues Gebiet, hattest du solches doch schon. Wenn du auch findest ein Land, wer wird's dir lassen zum Wohnsitz, Wer für Fremdlinge wohl räumen das eigne Gefild? Anderen Liebesbund und die andere Dido noch suchen Mußt du und neuem Gelübd, neu es zu brechen, dich weihn. Wann wird's glücken dir wohl, zu gründen ein andres Karthago, Hoch auf erhabener Burg unter dir sehend dein Volk? Doch geh alles dir gut, sei nichts deinen Wünschen zuwider - Wo wird weilen ein Weib, welches dich liebt so wie ich? Denn ich brenne wie Fackeln, mit Wachs bestrichen und Schwefel, [Glühe, wie Weihrauch glüht auf dem verrauchten Altar; Und Aeneas, er schwebt vor dem Auge der Wachenden immer,] Und die Nacht und der Tag bringt vor die Seele mir ihn. Freilich, er dankt mir schlecht und ist taub für meine Geschenke, Gern auch mißt ich ihn wohl, wär ich betöret nur nicht. Doch ich bin dem Aeneas, wie schlecht er auch denke, nicht abhold, Über den Treubruch nur klag ich und - liebe noch mehr. Venus, schütze die Frau deines Sohns, umarme den Bruder, Amor, als Bruder, und ganz weih er zum Dienste sich dir! Oder es nähre er selber in mir die Flamme der Liebe, Den ich (was soll ich mich drum schämen?) zu lieben begann. Doch ich täusche mich nur: ein Trugbild schwebt mir vor Augen; Fremd ist ganz das Gemüt seiner Erzeugerin ihm. Dich hat Stein und Gebirg und ragenden Felsen entwachsne Eichen, dich haben wohl gar reißende Tiere gezeugt Oder das Meer, wie du eben es siehst, gepeitscht von dem Sturmwind, Welches du dennoch befährst selbst auch bei widriger Flut. Flüchtling, wohin? Der Winter verwehrt's; o nützte des Winters Huld mir! Sieh, wie das Meer woget, vom Eurus zerwühlt. Laß mich verdanken dem Sturm, was ich dir noch lieber verdankte! Wind und Woge, sie sind, wahrlich! gerechter als du. Daß du, indem du mich fliehst weit über die Meere, zugrund gehst, Sehe ich auch deine Schuld - dennoch, das bin ich nicht wert! Ja, dich kostet der Haß, den du übst, die gewichtigsten Opfer, Wenn's ein Geringes dir ist, sterben, um mir zu entfliehn. Bald wird ruhen der Sturm und über geebnete Fluten Triton lenken durchs Meer bläulicher Rosse Gespann. Ach, ich wünschte, du möchtest veränderlich sein wie die Winde, Und du wirst es, wenn nicht härter als Eichen du bist. Wie? du vertraust dem so oft unglücklich befahrenen Meere, Gleichsam als kenntest du nicht tobender Fluten Gewalt? Lockte das Meer an der Küste dich auch, die Taue zu lösen, Hat doch im weiten Bereich manche Gefahren die See. Treubruch bringet auch denen nicht Heil, die auf Meere sich wagen; Buße verlanget die See für das verletzte Gelübd, Ganz besonders wenn Amor gekränkt: die Mutter des Amor, Aus der kytherischen Flut stieg sie ja nackend empor. Brächt ich Verlorne Verderben dir nicht noch dem Schuldigen Schaden! Tränke mein Feind doch nicht scheiternd des Ozeans Flut! Lebe vielmehr, und sei so - lieber als tot - mir verloren! Schuldig an meinem Tod nenne man eher noch dich! Denk, es ergreifen dich einst (doch es bleibe die Ahnung erfolglos!) Reißende Wirbel! Wie wird dann wohl zumute dir sein? Alsdann schweben dir vor die Schwüre der täuschenden Zunge Und durch phrygischen Trug Dido gezwungen zum Tod. Dir wird stehen vor Augen das Bild der betrogenen Gattin, Düster vor Gram, von Blut triefend, mit fliegendem Haar. »Stürzet«, so rufst du, »auf mich! Was immer mich treffe, verdient ist's!« Jeglichen fallenden Blitz denkst du geschleudert auf dich. Laß nur wenige Frist dem Wüten des Meers und dem deinen: Wichtiger Lohn des Verzugs winkt dir in sicherer Fahrt. Doch was sorg ich um dich! - Nur Iulus schone, den Knaben! Sollt es genügen dir nicht, Mörder zu heißen an mir? Was hat Ascanius denn und was die Penaten verschuldet? Götter, den Flammen entrafft, soll sie verschlingen die Flut? Aber du trägst sie ja nicht, und Heiligtümer und Vater, Wie du, o Falscher, dich rühmst, drückten die Schultern dir nie. Alles ist Lüge bei dir: nicht bin ich die erste, die deine Zunge betrög und das Los träfe, zu büßen den Trug. Fragt man: »Wo ist sie, die Mutter des schönen Knaben Iulus?« Ach, vom harten Gemahl ging sie, verlassen, zugrund! Solches erzähltest du mir, doch ließ ich Schuld'ge mich rühren. Für mein Vergehen ist nun jegliche Strafe zu klein. Aber ich zweifle nicht mehr: auch dich verdammen die Götter, Jagt ja des siebenten Jahrs Winter durch Land dich und Meer. Wellen spülten dich her - ich empfing dich in sicherem Hafen, Schenkte mein Reich dir, noch kaum hatt ich dich nennen gehört. Hätt ich jedoch mich begnügt mit diesem Dienste der Freundschaft! Wäre es doch nicht wahr, daß ich so heiß dich umschlang! Ach! wie war mir so schädlich der Tag, als in plötzlichen Güssen Hin zu der Grotte Geklüft finsterer Regen uns trieb. Stimmen vernahm ich; ich hielt's für Nymphengesang: die erzürnten Eumeniden jedoch taten mir kund mein Geschick. Fordert nur Strafe, beleidigte Scham und Asche des Gatten! Schon zur Buße bereit bin ich - voll bitterer Scham! Ach, mein Sychaeus, er steht mir geweiht in marmornem Tempel, Weißes Wollengebind dient ihm und Kränze zum Schmuck. Viermal hört ich von dort mit bekannter Stimme mich rufen: »Komm, Elissa!« So sprach, leise vernehmbar, er selbst. Ja, bald komm ich; ich komme, die einst dir ergebene Gattin, Zaudre nur noch vor Scham über mein schnödes Vergehn. Ach! verzeihe die Schuld! Mich betrog glaubwürd'ger Betrüger. Milderte solch ein Mann nicht das Gehäss'ge der Schuld? Göttin ist, die ihn gebar, und zärtliche Bürd ihm der greise Vater: mit Grund daher hofft ich auf bleibenden Bund. Mußt ich fehlen, so hat doch achtbare Gründe mein Fehltritt; Käme noch Treue hinzu, nimmer gereute es mich. Bis ans Ende, ja bis zu der äußersten Grenze des Lebens Dauert mein früheres Los, bleibt es, verfolgend, sich gleich. Fiel der Gemahl mir nicht am Hausaltare gemordet? Und von der schändlichen Tat erntet der Bruder den Lohn. Nunmehr, verbannt, verlaß ich die Asche des Manns und die Heimat Und, von dem Feinde gedrängt, irr ich auf mühsamem Pfad. Landend an fremden Gebiet, dem Bruder entflohn und dem Meere, Kauf ich das Ufer, für dich, Falscher, zur Gabe bestimmt. Eine Stadt erbaut ich daselbst und gründete Mauern, Weit sich erstreckend umher, reizend die Nachbarn zum Neid. Kriege bedrohn mich: man ängstet mich Weib, mich Fremde mit Kriegen; Als noch die Stadt kaum erbaut, kaum erst die Waffen beschafft, Tausenden Freiern gefiel ich - dem Namenlosen zuliebe Hab ich, so klaget der Schwarm, ihre Bewerbung verschmäht. Liefre, was säumst du? gefesselt mich aus dem Gätuler Iarbas, Sieh, ich wehre mich nicht, strecke die Hände dir hin! Oder - es lebt auch der Bruder; er könnte die frevelnde Rechte, Triefend vom Blute des Manns, tauchen in meines auch noch! Die du berührend entweihst, die Heiligtümer und Götter, Laß sie! Des Frevlers Hand ehret die Himmlischen schlecht. Würdest verehren du noch die dem Feuer entgangenen Götter, Würden mit Reue sie sich sehen dem Feuer entrafft. Schwangeren Leibs wohl gar, o Frevler, verlässest du Dido, Wenn gar ein Teil von dir lieget verschlossen in mir. Teilen der Mutter Geschick wird dann unglücklich der Sprößling; Ist er geboren noch nicht, wirst du sein Mörder schon sein. Es wird sterben mitsamt seiner Mutter der Bruder des Iulus Und ein gemeinsamer Schlag raffen sie beide hinweg. Doch dich vertreibt ein Gott - o hätt er verboten die Landung! Hätten das punische Land Teukrer betreten doch nicht! Sei immerhin dein Führer ein Gott, doch treiben umher dich Widrige Winde und lang schwebst du auf stürmischer See. Stünde dein Pergama noch, wie einst zu Lebzeiten Hektors, Kaum so mühsame Fahrt brächte dich dorthin zurück. Simoïs suchst du, den heimischen, nicht, nein, Thybris' Gewässer. Kommst du, wohin du dich sehnst, wirst du ein Fremdling nur sein. Immer entweicht das erstrebte Gebiet und flieht, sich verbergend Deinen Geschwadern; du wirst kaum es erreichen als Greis. Stelle die Irrfahrt ein! Nimm hier die Völker zur Mitgift Und Pygmalions Gut, hierher geführet von mir! Glücklicher magst in die tyrische Stadt du Troja verpflanzen! Führ als König des Reichs heiliges Zepter daselbst! Trägst du Verlangen nach Krieg und fragt dein Iulus, woher denn Er sich eines Triumphs Feier erwerbe durch Kampf, Wird ein besiegbarer Feind, daß nichts euch fehle, sich finden: Friedensgesetze hat hier, aber auch Waffen das Land. Laß bei der Mutter mich flehn, bei des Bruders Geschoß und den Göttern Des dardanischen Stamms, deinen Gefährten der Flucht. (So mögen siegen sie alle, die von deinem Volk du zurückbringst! Siegreich ende dein Weh, wie der entsetzliche Krieg! Mög auch des Daseins Ziel mit Glück dein Iulus erreichen, Sanft die Gebein in der Gruft ruhen Anchises, dem Greis!) Schone doch, fleh ich, das Haus, das dir zum Besitze sich anträgt! Was denn ist mein Vergehn - außer der Liebe zu dir? Nicht von Phthia entstamm ich noch auch vom großen Mycenae, Nicht mein Vater und Mann stellten entgegen sich dir. Schämest der Gattin du dich, laß nur Gastfreundin mich heißen! Denn ist Dido nur dein, füget in alles sie sich. Wisse, ich kenne die Buchten, die Afrikas Ufer berühren, Kenne die Zeiten, wo sie gönnen und wehren die Fahrt. Läßt sich's fahren bei linderer Luft, so spanne die Segel, Jetzt noch, geworfen vom Strand, haftet im Schilfe das Schiff. Heiß mich bestimmen die Zeit! Dann fährst du minder gefahrvoll; Wolltest verweilen du auch, duldet ich selber es nicht. Auch die Gefährten verlangt nach Ruhe noch; und die zerschellte Flotte, gezimmert nur halb, fordert noch kleinen Verzug. Endlich, bei meinen Verdiensten um dich und gehoffter Vermählung (Oder verdank ich dir mehr?), fleh ich um wenige Frist, Bis das Meer und die Liebe sich sänftigen und bis ich Unglück Lerne durch Übung und Zeit tragen mit mutigem Sinn. Weigerst du dich, so bin ich bereit, mein Leben zu opfern; Du wirst länger mir dann grausam begegnen nicht mehr. Möchtest du doch die Gestalt der Schreibenden sehen! Ich schreibe, Und im Schoße vor mir liegt ein trojanisches Schwert. Tränen fallen darauf die Wangen herab; das entblößte, Tränenbefeuchtete Schwert wird sich nun röten von Blut. Oh, wie ist dein Geschenk so passend zu meinem Verhängnis! Weniges kostet es dich, mir zu bereiten das Grab. Nicht ist dieses die erste die Brust mir durchbohrende Waffe: Schlug mir Wunden da nicht Amor, der grausame, schon? Anna, o Schwester, du meines Vergehns unglückliche Zeugin, Meiner Asche nun bald bringst du das letzte Geschenk. Schreibe nicht, bin ich verbrannt: »Sychaeus' Gattin, Elissa« - Folgende Verse vielmehr trage der Marmor des Grabs: »Anlaß gab mir Aeneas und gab mir die Waffe zum Tode, Dido, von eigener Hand sank sie geopfert dahin.« [Ovid: Briefe berühmter Frauen (Heroides). Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 13376 (vgl. Ovid-W Bd. 2, S. 114 ff.) (c) Aufbau-Verlag]