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narkissos
NARKISSOS / NARZISS Der Name ist vorgriechischen Ursprungs und bedeutet etwa „erstarren, gelähmt werden“. Er war der Sohn der Nymphe Leiriope / Liriope / Leirioessa und des Flussgottes Kephissos 12 (Nonnos 48,582 nennt Endymion und Selene als Eltern). Als seine Mutter den Seher Teiresias fragte, ob der Neugeborene lange leben werde, antwortete er: „Wenn er sich niemals selbst kennt.“ Diese rätselhaften Worte wurden erst beim Tod des sechzehnjährigen Narkissos verstanden. ….. Narkissos wuchs zu einem bewundernswert schönen Jüngling heran. Wegen seiner Schönheit und seiner undurchschaubaren Liebenswürdigkeit faszinierte er viele Mädchen und Frauen, aber auch Jünglinge und Männer, wurde umworben und begehrt. Mit kühlem Stolz und beleidigender Gleichgültigkeit genoss er jede Werbung und wies mit einem verletzenden Lächeln alle zurück. Er war vollkommen unfähig andere Menschen zu lieben. Nach Ovid met. 3,356ff : Echo, eine Nymphe des Berges Helikon, verliebt sich unsterblich in Narkissos. Sie hatte es schwer, denn als sie einmal mit Geschwätz Juno (Hera) ablenkte um Iupiter (Zeus) ein Liebesabenteuer zu ermöglichen, wurde sie von Juno (Hera) bestrafte. Sie nahm Echo die selbständige Sprache, Echo konnte nur noch die letzten Worte der anderen wiederholen. Narkissos wies auch Echo beleidigend zurück und die Arme verzehrte sich vor Liebeskummer. Ihre Gebeine wurden zu Stein. Es blieb nur noch ihre Stimme übrig, in den Bergen kann man sie hören – das Echo. Ein von Narkissos brüsk abgelehnter verliebter Jüngling betete zur Nemesis und bat sie den Hochmütigen zu bestrafen. Er solle selbst unter unerwiderter Liebe leiden. Nemesis erhörte ihn und führte Narkissos zu einer Quelle. Als er sich, müde von der Jagd, niederlegte um daraus zu trinken, erblickte er sein Spiegelbild und verliebte sich in sich selbst. Vor Sehnsucht nach sich selbst, unfähig sich von diesem Spiegelbild loszureißen, blieb er so lange sich selbst bewundernd liegen, bis er verhungerte. Sein Leichnam wurde in eine Blume verwandelt, die Narzisse, die Totenblume, die Blume der Unterwelt, mit der die Gräber geschmückt wurden. Die Bewohner des Hades können sein Spiegelbild im Totenfluss Styx sehen. …… Eine hellenistische Fassung der Sage erzählt Konon: Narkissos verachtete den Eros von Thespiai. Einem Liebhaber schickt der Hochmütige sogar ein Schwert, mit dem sich dieser vor der Türe des Narkissos ersticht. Eros bestraft ihn. Narkissos verliebt sich in sich selbst. Im Übermut und in die Götter beleidigender Selbstüberhebung ersticht er sich selbst. Aus seinem Blut wuchs die Narzisse. ......... Die Heimat dieser Sage ist Boiotien. Pausanias erwähnt die Quelle des Narkissos bei Thespiai. In Eretria wird Amarynthos als Vater genannt und weist genealogisch auf den Artemiskult. Ursprünglich dürfte es sich um einen spröden Jäger und Begleiter der Artemis gehandelt haben. ......... Neuplatonisch: Leibliche Schönheit ist verhängnisvoll, wenn vergessen wird, dass sie nur ein Abbild der ewigen Schönheit ist. Durch Sigmund Freud wurde „Narzissmus“ zum psychoanalytischen Begriff. Der sentimentale Gehalt, das Idyllische des Themas und die Melancholie des Mythos, sowie die Möglichkeit, in der Spiegelung bildnerisches Raffinement zu entwickeln, beflügelte die Künstler aller Kulturepochen. Dementsprechend häufig kommt das Thema in Bildern, Reliefs, in Mosaiken u.s.w. und in der Bildhauerei vor. Literarisch wurde der Narkissos-Stoff, speziell in den letzten 150 Jahren, wiederholt aufgegriffen. ….. Die derzeitige gesellschaftspolitische Entwicklung führt offensichtlich dazu, dass immer mehr „Narzisse“ unter uns leben. ……… Ovid met. 3,341ff: „Wie untrüglich sein Wort, das nahm als erste die blaue Nymphe Liriope wahr. Einst mit dem gewundenen Strome Engte Cephisus sie ein, und als sie die Wellen umschlossen, Übt' er Gewalt. Vom befruchteten Schoß der schönsten der Nymphen Wand sich ein Kind ans Licht, schon damals würdig der Liebe Und Narcissus genannt. Befragt, ob diesem bestimmt sei, Einst, an Jahren gereift, langwährendes Alter zu schauen, Sprach »Wenn er sich nicht kennt!« der schicksalkündende Seher. Lang schien eitel und leer sein Ausspruch. Doch ihn bestät'gen Tat und Erfolg und die Art des Tods und die Neuheit des Wahnsinns. Jetzo hatte bereits der Kephisier eines zu fünfzehn Jahren gefügt und konnte so Knab erscheinen wie Jüngling. Viele begehreten ihn der Jünglinge, viele der Mädchen. Aber es war in der zarten Gestalt so fühlloser Hochmut: Keiner bewegte sein Herz von den Jünglingen, keines der Mädchen. Ihn nahm wahr, wie er trieb in die Netze die schüchternen Hirsche, Einst die Nymphe des Schalls, die weder versagen die Antwort Noch kann sprechen zuerst, die alles erwidernde Echo. Noch war Echo ein Leib, nicht nur Laut, doch die Lippen gebrauchte Nicht zu anderem Dienst als jetzt die schwatzende Nymphe. Daß sie zurück nur gab von gereiheten Worten die letzten, Das war Junos Werk, weil oftmals, wenn im Gebirge Leicht sie hätte ertappt mit Jupiter liegende Nymphen, Jene mit langem Gespräch die Göttin geflissentlich aufhielt, Bis die Nymphen geflohn. Wie solches Saturnia merkte, Sprach sie: »Der Zunge Gewalt, die mich arglistig betrogen, Soll dir gering hinfort und kurz der Stimme Gebrauch sein!« Drohungen folgte die Tat. Sie aber verdoppelt die Laute Immer am Schluß und sendet zurück die vernommenen Worte. Als sie nun den Narcissus erblickt, der in pfadlosen Fluren Streift umher, erglüht sie und folget heimlich den Spuren, Und je mehr sie ihm folgt, je drängender spürt sie die Flamme, Nicht in anderer Art, als wenn leichtzündender Schwefel, Vorn um die Fackel getupft, auffängt die genäherte Flamme. Oh, wie wollte sie oft schon nahen mit kosenden Worten Und sanft bitten und flehn! Ihr wehrt die Natur und vergönnt nicht, Daß sie rede zuerst. Doch steht sie, was jene gestattet, Harrend der Töne bereit, darauf sie gebe die Antwort. Laut sprach grade, verirrt von der Schar der treuen Begleiter, Jener: »Ist jemand da?« Und »da« antwortete Echo. Jener erstaunt und wendet den Blick nach jeglicher Seite. »Komm!« so tönt sein schallender Ruf. Sie rufet den Rufer. Rückwärts schaut er und spricht, da wiederum keiner erschienen: »Warum fliehest du mich?« Was er sprach, dasselbe vernahm er. Jetzo bleibet er stehn, und betrogen vom Bilde der Zwiesprach, Sagt er: »Vereinen wir uns!«, und Echo, die keinem der Töne Antwort gäbe so gern, läßt »Einen wir uns!« sich vernehmen, Und sie selber entzückt ihr Wort, und sie tritt aus dem Walde, Um den ersehneten Hals die liebenden Arme zu schlingen. Aber er flieht, und im Fliehn: »Laß los die umschlingenden Hände! Eher«, so ruft er, »den Tod, als daß du mir nahtest in Liebe!« Echo erwidert nichts als: »Daß du mir nahtest in Liebe!« Sie, die Verschmähete, birgt sich im Wald, mit Laub das verschämte Antlitz bedeckend, und lebt fortan in entlegenen Höhlen. Aber die Liebe verbleibt und wächst vom Schmerz der Verachtung. Wachende Sorge verzehrt den kläglich vergehenden Körper; Siechtum macht einschrumpfen die Haut, und die Säfte des Leibes Schwinden gesamt in die Luft. Nur Stimm ist übrig und Knochen. Stimme verbleibt; zu Gestein - so sagen sie - wurden die Knochen. Seitdem birgt sie der Wald, und nie im Gebirge gesehen, Wird sie von allen gehört. Als Schall nur lebt sie beständig. So war diese von ihm, so andere Nymphen der Wellen Oder der Berge verhöhnt, so früher die männlichen Scharen. Endlich, die Hände gestreckt zum Himmel, begann ein Verschmähter: »So mag lieben er selbst, so nie das Geliebte besitzen!« Seinem gerechten Gebet stimmt zu die rhamnusische Göttin. Schlammlos war ein Quell mit silbern erglänzenden Wellen, Den niemals ein Hirt, noch am Berge geweidete Ziegen Hatten berührt, noch anderes Vieh, den keiner der Vögel Hatte getrübt, kein Wild, kein niedergefallener Baumzweig. Rings war Rasen umher, den nahe Bewässerung nährte, Und ein Gebüsch, das den Ort nicht ließ von der Sonne erwarmen. Hier einst lagerte sich, vom Eifer der Jagd und von Hitze Müde, der Knabe, gelockt von dem Quell und der Schönheit der Stätte. Während den Durst zu löschen er strebt, wird anderer Durst wach; Denn im Trinken vom Schein des gesehenen Bildes bezaubert, Liebet er nichtigen Wahn: er hält für Körper, was Schatten. Sich selbst staunet er an, und starr mit dem nämlichen Blicke Ist er gebannt wie ein Bild, aus parischem Marmor gefertigt: Liegend betrachtet er stets gleichwie zwei Sterne die Augen, Schaut mit Entzücken das Haar, das Apollos würdig und Bacchus', Schauet den elfenen Hals und die Glätte der bartlosen Wangen Und des Gesichts Anmut und in schneeiger Weiße die Röte; Alles bewundert er selbst, was wert ihn macht der Bewundrung; Sich ersehnt er betört; der preist, wird selber gepriesen, Der da strebet, erstrebt, und zugleich entzündet und brennt er. Wie oft naht er umsonst mit Küssen dem trügenden Borne! Wie oft mitten hinein, den gesehenen Hals zu ergreifen, Taucht er den Arm in die Flut und faßt sich nicht in den Wellen! Unkundig, was er erblickt, glüht für das Erblickte der Jüngling; Der sein Auge betrügt, der Wahn, der hält es gefesselt. Was, Leichtgläubiger, strebst du vergebens nach flüchtigem Scheinbild? Nirgends ist, was du begehrst; sieh weg, und es flieht das Geliebte; Schatten ist, was du gewahrst, vom widergespiegelten Bilde! Nichts ist eigen daran; mit dir nur kam und verbleibt er, Weggehn wird er mit dir, wenn wegzugehn du vermöchtest. Nicht das Verlangen nach Ruh und nicht das Verlangen nach Speise Kann von dem Ort ihn ziehn: im beschatteten Grase gelagert, Schaut er die leere Gestalt mit unersättlichen Blicken, Und er vergeht durch das eigne Gesicht, und ein wenig erhoben, Spricht er, die Arme gestreckt zu den ringsum stehenden Wäldern: »Hat je einer geliebt, ihr Wälder, mit härteren Qualen? Denn ihr wißt es und wart schon vielen gelegener Schlupfort. Wißt ihr, da euer Bestand so viel Jahrhunderte währet, In der Länge der Zeit von einem, der also geschmachtet? Vor mir steht es und lockt; doch was da steht, so verlockend, Ach, ich find es ja nicht. So fesselt den Liebenden Irrwahn. Was noch mehret den Schmerz, nicht trennt uns Weite des Meeres, Nicht ein Gebirg, ein Weg, noch Mauern mit sperrenden Toren: Karges Gewässer verbietet zu nahn. Selbst möcht er umarmt sein; Denn sooft ich den Mund darbiete den lauteren Wellen, So oft kommt er zu mir mit aufwärtsstrebendem Antlitz. Fast, fast scheint er berührt. Wie klein, was die Liebenden scheidet! Wer du auch seist, komm her! Was trügst du mich, einziger Knabe? Wer entführet dich mir? Mir sind doch Alter und Aussehn Nicht so, daß du sie fliehst; mich liebten ja sehnlich die Nymphen. Hoffnung, ich weiß nicht welche, verheißt dein freundliches Antlitz; Streck ich die Arme nach dir, so streckst du von drüben die Arme; Lach ich, lachst du mir zu; auch sah ich zum öfteren Tränen, Wenn ich weinte, bei dir; dem Wink auch winkst du entgegen, Und soviel mir verrät des reizenden Mundes Bewegung, Gibst du Worte zurück, die uns nicht dringen zu Ohren. Ich bin, merk ich, es selbst. Nicht täuscht mich länger mein Abbild. Liebe verzehrt mich zu mir; ich reg und leide die Flamme. Was ist zu tun? Soll ich flehn? Mich anflehn lassen? Um was denn? Was ich begehre, ist mein. Zum Darbenden macht mich der Reichtum. Daß ich vom eigenen Leib mich doch zu trennen vermöchte! Was kein Liebender wünscht, ich wünsche mir fern, was ich liebe. Weg schon nimmt mir die Kräfte der Schmerz, und unserem Leben Bleibt kein langer Bestand, und im frühesten Alter vergeh ich. Mir ist der Tod nicht schwer, da im Tod die Leiden vergehen; Ihm nur, den ich geliebt, ihm wünscht ich ein längeres Leben. Nun miteinander vergehn wir zwei in der einzigen Seele.« Sprach's und kehrte zurück sinnlos zu dem nämlichen Bilde, Und trüb macht' er mit Zähren die Flut, und im kreisenden Wasser Wurde verdunkelt das Bild. Wie er weggehn sah die Erscheinung, Rief er: »Wo fliehest du hin? O bleib und verlasse so fühllos Mich, den Liebenden, nicht! Was nicht zu berühren vergönnt ist, Laß mich wenigstens schaun und nähren den traurigen Wahnsinn.« Während er klagt, zerreißt er das Kleid vom obersten Saume; An die enthüllete Brust dann schlägt er mit marmornen Händen, Und die geschlagene Brust ward sanft mit Röte bezogen, So wie der Apfel sich zeigt, der weiß zur Hälfte, zur Hälfte Rot aussieht, und wie mit gesprenkelten Beeren die Traube, Wenn sie gereift noch nicht, sich purpurn pfleget zu färben. Als er solches erblickt im wieder geklärten Gewässer, Trug er länger es nicht: wie gelbliches Wachs an gelindem Feuer gemach hinschmilzt und wie von der wärmenden Sonne Taut in der Frühe der Reif, so auch, von der Liebe verzehret, Schwindet er hin und vergeht allmählich vom inneren Feuer. Nicht ist die Farbe, wie sonst, mit der Weiße vereinigte Röte; Hin ist die blühende Kraft und was eben entzückte das Auge, Und nicht bleibet der Leib, den früher ersehnete Echo. Als die aber es sah, obgleich voll Zorn und Gedenken, Fühlte sie Leid, und sooft der Bejammernswürdige »Wehe!« Ausrief, hallte das Wort sie nach und erwiderte: »Wehe!« Und wenn jener im Schmerz sich schlug mit den Händen die Arme, Gab auch diese zurück die nämlichen Töne des Schlagens. Also sprach er zuletzt, im gewohnten Gewässer sich spiegelnd: »Ach du Knabe, geliebt umsonst«, gleich viele der Worte Hallte der Ort, »leb wohl!« - »Leb wohl!« auch redete Echo. Kraftlos ließ er das Haupt nun sinken auf grünenden Rasen; Tod schließt die Augen ihm zu und bewundert die Schönheit des Jünglings. Da auch noch, als er längst dem Reiche der Toten gehörte, Schaut' er sich selbst in der stygischen Flut. Die Najaden, die Schwestern, Trauern und weihen dem Bruder vom Haupt Haarlocken; es trauern Auch die Dryaden um ihn, beistimmet den Trauernden Echo. Scheite besorgte man schon und schwingende Fackeln und Bahre: Da war nirgend der Leib. Sie finden für ihn nur ein Blümlein, Safrangelb, um die Mitte besetzt mit schneeigen Blättern.“ [Ovid: Verwandlungen (Metamorphoses). Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 12609 (vgl. Ovid-W Bd. 1, S. 67 ff.) (c) Aufbau-Verlag] HYPERLINK "http://anotherdaylight.files.wordpress.com/2010/02/4299.jpg" INCLUDEPICTURE "http://anotherdaylight.files.wordpress.com/2010/02/4299.jpg?w=590" \* MERGEFORMATINET