eine gesamtgenealogie der griechisch-mediterranen mythologie
die göttinnen und götter und ihre nachkommen
home
genealogie
entstehung
lexikon
galerie
infos
kontakt
Die vorliegende Fassung der Texte ist nicht redigiert! Informationen dazu finden sie
hier
.
iphigenie
IPHIGENIE / IPHIGENEIA Sie war ursprünglich eine Sonderform der ägäischen „Großen Göttin“ und existierte als religiöse Anrufung oder als Priesterin der Artemis weiter. In Brauron, an der Ostküste Attikas, wurde sie als Göttin der Gebärenden verehrt. Man opferte ihr die Kleider der im Wochenbett Verstorbenen. Zur Verknüpfung von Brauron und Taurien dürften Namens- und Brauchtumsähnlichkeiten geführt haben: In Brauron musste sich am Fest der Göttin ein Mann am Hals leicht einschneiden lassen und einige Blutstropfen spenden, in Taurien wurde eine Göttin verehrt die Menschenopfer verlangte. ……. In der späteren Literatur wurde sie vermenschlicht, entwickelte sie sich zu einer der Hauptfiguren in der Tantalidensage und wird dort von den Schriftstellern in vielen Variationen erzählt. Ihre Eltern sind Agamemnon und Klytaimestra. In einer sehr spät erfundenen Sage wird sie auch als Tochter der Helene und Theseus, der Helene als Zwölfjährige geraubt und vergewaltigt hatte, genannt. Man erzählt, dass sie zu ihrer Tante Klytaimestra gebracht worden sein, die sie als ihre eigene Tochter ausgab um die Schande zu verbergen; Pausanias 2,22,6ff. ….. Helena, die Tante der Iphigenie, war die schönste Frau der Welt. Ihr leiblicher Vater Tyndareos lud Heiratskandidaten nach Sparta ein und 31 (nach Apollodor) der besten und reichsten Männer Griechenlands bewarben sich – Tyndareos war ratlos und bekam Angst: „Iphigenie in Aulis“ des Euripides: AGAMEMNON. Von Leda, jenem Sproß des Thestios, entstammen drei Töchter: Phoibe, Klytaimestra, meine Gattin, und Helena. Um deren Hand bewarben sich die mächtigsten und reichsten Jünglinge von Hellas. Und furchtbar drohte jeder seinen Mitbewerbern mit Mord, sofern er selbst die Jungfrau nicht erhielte. Tyndareos war ratlos, ob er sie vermählen, ob sie verweigern solle, um aus seiner Lage das Beste noch zu machen. Endlich fiel ihm ein, durch Eide und durch Handschlag sollten sich die Freier verpflichten und am Brandaltar durch Spenden es bekräftigen und feierlich geloben: dem, der Helena zur Frau bekäme, beizustehen, entführe jemand seinem Hause sie und dränge den Mann aus seinem Recht, und gegen den Entführer mit Heeresmacht zu ziehn und seine Stadt zu schleifen, gleich, ob ein Grieche oder ein Barbar er sei. Als sie gebunden waren - gründlich hatte sie der Greis Tyndareos, voll Scharfsinn, überlistet! -, erlaubte seiner Tochter er, den Mann zu wählen, dem Aphrodites Liebeshauch ihr Herz gewänne. Sie wählte Menelaos - ……. [Euripides: Iphigenie in Aulis. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 3831 (vgl. Euripides-W Bd. 3, S. 8-9) (c) Aufbau-Verlag] Sie vermählten sich und waren glücklich. ….. Paris war ein Sohn von Priamos, dem König von Troia und seiner Gattin Hekabe. Während Hekabe mit Paris schwanger war hatte sie einen furchtbaren Traum: Sie werde ein Feuer gebären, das Troia verbrennen werde. Der Prophet Aisakos, ein Sohn des Priamos von Arisbe, weissagte, dass das Kind, das geboren werde, Troias Untergang verursachen werde und empfahl, es sofort zu töten. Priamos übergab den neugeborenen Knaben seinem Hirten Agelaos 6 mit dem Befehl, das Baby am Berg Ida auszusetzen. Acht Tage nach der Aussetzung fand Agelaos das Kind wieder, kreuzfidel, eine Bärin hatte es gesäugt. Er nahm es mit in seine Hütte, gab es als sein Eigenes aus und zog es auf. Paris entwickelte sich zu einem wunderschönen starken Jüngling. Die Tapferkeit, mit der er die Herden gegen Räuber und wilde Tiere verteidigte, brachte ihm den Namen Alexandros (Verteidiger der Menschen) ein. Ein Wettkampf führte zur seiner Wiedererkennung und Paris wurde mit Freude in die Familie des Königs aufgenommen. Er heiratete Oinone, die Nymphe einer Quelle, und führte ein genüssliches Leben. Der Traum der Hekabe und die Weissagung des Aisakos wurden vergessen. ….. Als Paris eines Tages gemütlich am Berge Ida seine Herde bewachte kamen vier Gestalten geflogen, Hermes und die drei Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite. Hermes erklärte dem Verängstigten, dass er im Auftrage des Zeus Juror der ersten Misswahl des Weltenlaufes sein müsse und der schönsten der drei Göttinnen den mitgebrachten goldenen Apfel als Preis zu übergeben habe. Die Göttinnen vergaßen, wie auch bei normalen Frauen in solchen Situationen üblich, die göttliche Würde der Frauen, poposten und buhlten, und versuchten den schönen Paris zu bestechen. Hera versprach ihm die Weltherrschaft, Athene, dass er alle Kriege gewinnen werde, Aphrodite aber, versprach ihm die Liebe der Helena, der Gattin des Menelaos, der schönsten Frau der Welt. Paris überreichte natürlich Aphrodite den goldenen Apfel. Weil er dazu noch Hera und Athene mit dummen Äußerungen beleidigte, hassten beide Paris und, für später sehr verhängnisvoll, mit ihm auch Troia, seine Heimatstadt, der sie den Untergang versprachen. Sofort kehrte er in den Palast zurück und erklärte seiner Frau Oinone und seiner Familie, dass er nach Sparta müsse um Helena zu holen. Seine Schwester Kassandra, sein Bruder Helenos, beide hatte die Gabe der Voraussehung, und seine Frau, sie hatte die Seherkunst bei Rhea gelernt, prophezeiten ihm seinen Tod und den Untergang Troias, wenn er Helena ihrem Mann entführen werde. Himeros, der Gott der Liebessehnsucht, hatte aber im Auftrage von Aphrodite Paris bereits fest im Griff. Trotz heller Aufregungen am Hofe des Priamos und innigster Bitten seiner Frau schiffte er sich nach Sparta ein. ….. Als Prinz wurde Paris, begleitet von Aineias, zuerst von den Dioskuren, den Brüdern der Helena, in Amyklai und dann von Menelaos, dem König von Sparta, freundlich empfangen und aufgenommen. Nach neun Tagen musste Menelaos zur Bestattung seines Großvaters Katreus 1 nach Kreta reisen und beauftragte Helena, sich um den Gast zu kümmern. Aphrodite schickte ihren Sohn Eros, ein Pfeil, und Helena verliebte sich in Paris hoffnungslos; andere erzählen, dass sie den vielen Geschenken des Paris nicht widerstehen konnte. Die glücklich Verliebten raubten den Goldschatz des Menelaos, bestiegen das Schiff des Paris und flüchteten nach Troia. Auf der Insel Kranae erlebten sie ihre erste Aphrodisia; Ilias 3,445: „uns einend in Liebe und Lager“. Menelaos kehrte von Kreta zurück, nahm verbittert die Situation zur Kenntnis, fuhr zu seinem Bruder Agamemnon nach Mykene und beriet sich mit ihm; Ergebnis: Alle früheren Freier Helenas waren gemäß ihrem Beistandseid zur Hilfe bei der Rückgewinnung der Gattin verpflichtet. ….. Die Beiden schickten Boten und reisten auch persönlich zu den durch den Eid verpflichteten ehemaligen Mitbewerbern. Jeder wurde aufgefordert mit einer Flotte und Kriegern an der Rückgewinnung der Helena mitzuwirken. Es dauerte Jahre bis ein riesiges kampfbereites Heer und die erforderliche Flotte bereit stand. König Agamemnon wurde zum Oberbefehlshaber des Kriegszuges gewählt. ….. Endlich versammelten sich die Kontingente im Hafen von Aulis, einer böotischen Stadt, hunderte von Schiffen, tausende von Kriegern. Eine lähmende Windstille verhinderte wochenlang das Auslaufen. Der befragte Seher Kalchas erklärte den Heerführern, dass Artemis erzürnt ist, weil Agamemnon sie beleidigt habe. Und nun halte sie die Winde zurück. Nur die Opferung der ältesten Tochter des Agamemnon, der Iphigenie, könne Artemis besänftigen und günstige Winde bringen. Agamemnon wehrte sich seine Tochter zu opfern. Als aber die bereits hungernden Krieger zu meutern begannen schickte er Odysseus, Diomedes und Talthybios nach Argos. Unter dem Vorwand, sie werde mit Achilleus verheiratet, wurde Iphigenie nach Aulis gelockt. Klytaimestra, ihre Mutter, bekränzte die ‚Braut‘ und führte sie persönlich im Hochzeitszug von Mykene nach Aulis. Der Hass der Mutter gegen ihren Ehemann steigerte sich ins Unermessliche, als ihr die Irreführung klar wurde, als ihr klar wurde, dass ihre Tochter nicht verheiratet, sondern abgeschlachtet werden soll. Euripides erzählt in seinem Drama „Iphigenie in Aulis“ die Opferung von Iphigenie. Euripides, Iphigenie in Aulis: KLYTAIMNESTRA „So höre nun! In offner Rede will ich dir Entgegentreten, nicht versteckt in Rätseln mehr. Erst nahmst du – dies halt ich dir am ersten vor – Mich wider Willen zum Gemahl und raubtest mich, Nachdem du mir den früheren Gatte Tantalos Erschlugst und meinen Säugling, den du meiner Brust Entrafft gewaltsam, auf dem Grund zerschmettertest. Für mich, die Schwester, zogen dann Zeus` Söhne wohl, Auf Rossen schimmernd, wider dich zum Kampf hinaus; Doch Tyndareos, mein grauer Vater, schirmte dich – Du flehtest kniend – und ich wurde wieder dein. Mit dir versöhnt nun, war ich dir und deinem Haus – Auch du bezeugst es – eine tadellose Frau. In Liebe treu und züchtig und des Hauses Glanz Dir mehrend, dass dich Wonne, wenn du tratst herein, Und Seligkeit erfüllte, wenn du weitergingst. Ein seltnes Glück ist´s, wenn ein Mann ein solches Weib Erringt; die bösen Frauen sind nichts Seltenes. Den Sohn gebar ich außer drei Jungfrauen dir, Wovon du eine jammervoll mit rauben willst. Und fragt man dich, weshalb du diese töten willst, Was wirst du sagen? Oder soll ich´s tun für dich? „Daß Menelaos Helena gewinne.“ Schön, Sein Kind als Preis zu geben für ein schnödes Weib! Mit unserem Liebsten kaufen wir das Hässlichste. Sieh, wenn du fortziehst und daheim mich lässest, Herr, Und dort die lange, lange Zeit abwesend bist, Wie wird im Hause, glaubst du, mir zumute sein, Erblick ich alle Stühle leer, wo diese saß, Und leer die Mädchenzimmer, sitz in Tränen stets Allein und singe dieses Klagelied von ihr: Ermordeet hat dich Kind, der dir das Leben gab, Dein Vater selbst, kein andrer, nicht durch fremde Hand. Bei allen Göttern, zwinge mich doch nicht an dir Zur Frevlerin zu werden, noch sei du´s an uns! Wohlan! Du wirst die Tochter opfern – und wie betest du? Was wirst du Gutes dir erflehn bei Kindesmord? Schmachvolle Heimkehr, wie du schlecht vom Hause zogst? Doch mir geziemt wohl, Gutes dir herabzuflehn? Nein, unverständig müssten mir die Götter dann Erscheinen, wär´ ich Mördern liebevoll gesinnt. Heimkehrend drückst du deine Kinder wohl ans Herz? Du darfst es nimmer! Welches Kind auch möchte dich Anblicken , dass du es umarmest und erschlägst? Hast du das je einmal bedacht? Mußt du dich nur Als Heeresfürst betragen, der das Szepter schwingt? Nein, vor dem Heer ziemte dir ein offnes Wort: „Achäer, wollt ihr fahren nach dem Phrygerland? So werft das Los denn, wessen Tochter sterben soll.“ Das wäre recht und billig, nicht, dass du dein Kind Als auserlesnes Opfer botst den Danaern. Menelaos, ihm gilt euer Zug, er opfere Die Tochter für die Mutter! Was soll ich, die dir Die Treue wahrte, mich beraubt des Kindes sehn Und sie, die schnöde Buhlerin, zu Sparta sich Heimkehrend ihrer Tochter freun und glücklich sein? Antworte hierauf, wenn ich unrecht redete!“ (Euripides: Iphigenie in Aulis. Übersetzt von J. J. Donner. Stuttgart: Philipp Reclam Verlag; 1978.) Umsonst! Agamemnon war zur Opferung seiner Tochter bereit, Achilleus, der der Mutter und Iphigenie beistehen wollte, wurde von den aufgehetzten Soldaten mit Steinigung bedroht. Die Opferung vor dem Altar der Artemis war vorbereitet. In dem Moment als Kalchas dem Mädchen die Kehle durchschneiden wollte, wechselte Artemis, die Göttin der Jagd und Beschützerin der Jungfräulichkeit, die Unschuldige mit einer Hirschkuh aus. Sterbend, mit durchschnittener Kehle, sank das prachtvolle Tier aus Kalchas Händen zu Boden. Kein unschuldiges Blut verunreinige den Altar der Göttin. Iphigenie wurde von Artemis mit einem göttlichen, von Hirschen gezogenen Wagen in das Land der mörderisch-barbarischen Taurer gebracht (heute Halbinsel Krim) und musste ihr dort im Tempel als Priesterin dienen. Artemis war zufrieden und ließ die Winde frei – endlich konnten die Griechen absegeln. ….. Euripides erzählt in seinem Drama „Iphigenie in Aulis“ die Opferung von Iphigenie. ….. Erst nach zehnjährigem Krieg gelang es den Griechen endlich Troia zu besiegen und völlig zu zerstören. Hoffnungsvoll und voller Freude kehrte Agamemnon nach Mykene zurück, doch seine Gemahlin Klytaimestra, sie hasste den Mörder ihrer Tochter abgrundtief, hatte sich längst den jungen Aigisthos als Liebhaber genommen und regierte mit ihm die Stadt. Klytaimestra wollte kein Wiedersehen, sie hasste, wollte nur Rache. Ein großes, würdiges Fest des Wiedersehens wurde vorbereitet, die Tafel im Thronsaal gedeckt. Um gereinigt und erfrischt bei der Tafel zu erscheinen nahm Agamemnon noch ein Bad. Klytaimestra ergriff die bereitgelegte Doppelaxt und ein Netz und schlich ihm nach …. Aischylos, Orestie, 1. Teil, Agamemnon 1377ff: KLYTAIMESTRA „……. Ich habe diesen Kampf seit langem wohl bedacht. Nun kam mir, spät zwar, mit dem Lauf der Zeit, der Sieg. Wo ich erschlug, da steh ich, bei vollbrachter Tat. Und also führte ich es aus – ich leugn es nicht – , Daß keine Flucht und Abwehr des Geschicks mehr blieb. Ein Zugnetz, endlos, wie der Fischer Netze sind, Werf ich ihm um, ein arges Prunknetz von Gewand. Und zweimal trifft mein Schlag ihn, und zweimal schreit er auf Und lässt die Glieder sinken, und den dritten Schlag versetz ich dem Gestürzten, ein Geschenk, wie Zeus Es wünscht, der unter unsrer Flur die Toten schützt. So liegt er da, und seine Seele würgt er aus. Und wie er ausbricht einen scharfen Strahl von Blut, Mit dunklem Sprühn purpurnen Taues trifft er mich. Und minder nicht bin ich erheitert als die Saat, Die unter gottgesandter Feuchte Keime treibt. Da dem so ist, ihr Ältesten von Argos hier, Seid froh, sofern ihr froh sein wollt. Ich jauchze auf. Und wären über einer Leiche Opfer Brauch, So ziemte – mehr als ziemte – solches Tun sich hier. Mit so viel Fluch und Übel füllte dieser Mann Den Krug im Haus. Nun kehrt er heim und schlürft ihn selbst.“ ….. …… Nach der Ermordung des Agamemnon ließ seine Tochter Elektra aus Gründen der Sicherheit ihren ca. 12-jährigen Bruder Orestes nach Phokis zum alten König Strophios bringen. Strophios, er war mit der Schwester des Agamemnon Anaxibia verheiratet, erzog den Knaben, Orestes freundete sich mit Pylades, dem Sohn des Strophios an und wuchs zu einem kräftigen jungen Mann heran. Elektra und Chrysothemis, sie missbilligten das Verhältnis ihrer Mutter, wurden von Aigisthos verachtet und jahrelang würdelos behandelt. Sieben weitere Jahre lebten Aigisthos und Klytaimestra glücklich als Paar und regierten das Königreich Argos. Ihrer Beziehung trug Früchte, Erigone und Aletes wurden geboren. M. Im achten Jahr nach dem Tod des Agamemnon, der Kassandra und ihren Kindern, wanderte Orestes, er war inzwischen ein junger Mann, begleitet von seinem Freund Pylades, nach Delphi, um das Orakel zu befragen was er als treuer Sohn eines ermordeten Vaters zu tun habe. Das Orakel des Apollon antwortete: „Töte die Mörder“ und drohte mit allen nur erdenklichen Übeln, wenn er den Befehl nicht befolge. Verängstigt gingen sie als einfacher Wanderer verkleidet nach Mykene und besuchten das Grab des Agamemnon; Aischylos, Orestie, Die Totenspende 1ff: ORESTES „Hermes in Tiefen! Wächter über des Vaters Macht! Sei Retter und Mitstreiter mir! Ich flehe dich an! Aus der Verbannung komm ich heim in dieses Land Und rufe hier, am Rand der Gruft, den Vater an: Erhöre mich! ……“ Er schnitt sich eine Locke ab, weihte sie dem Leid seines Vaters und legte sie am Grabe nieder. Frauen erscheinen, Orestes und Pylades verbargen sich, unter den Frauen befand sich Elektra, seine ältere Schwester. Sie brachte einen Opfertrank für die Toten, fand die Locke und glaubte, hoffte, sie als Locke des Orestes zu erkennen. Innig betete sie; Die Totenspende 129ff: „ …. Ich gieße diesen Opfertrank den Toten aus Und rufe meinen Vater an: Erbarme dich mein und Orests, und setze uns wieder ein im Haus. Denn elend sind wir, wie vernichtet sind wir nun Von unsrer Mutter, da zum Gatten sie getauscht Aigisthos, der mitschuldig ist an deinem Tod. Ich bin der Sklavin gleich, und als Verbannter lebt Orestes, deinem Erbe fern, da jene sich In deiner Mühsal Früchten schwelgerisch ergehn. O dass nach Hause kehre günstigen Geschicks Orest, so fleh ich, und du, Vater, höre mich! Mir aber gib, dass ich um vieles weiser sei Als meine Mutter, ehrerbietiger meine Hand. So bete ich für uns. Doch für die Feinde sag Ich dies: Es komme einer, Vater, der dich rächt Und deine Mörder wieder mordet nach Gebühr. …“ Orestes trat aus dem Versteck, an seinem Rock, den Elektra vor Jahren bestickt hatte, erkannten sich die Geschwister. Elektra forderte den Zögernden auf die Mutter und ihren Liebhaber zu töten. Sie beteten gemeinsam zum Vater, baten ihn um Hilfe und entwarfen einen Plan. Elektra hinterlegte im Palast eine Doppelaxt. Orestes und Pylades betraten den Palast des von Mykene, gaben sich als Fremdlinge aus und überbrachten Klytaimestra die falsche Nachricht, dass ihr Sohn Orestes gestorben sei (In Sophokles` Elektra bringt Orestes als falschen Beweis eine Urne mit der scheinbar eigenen Asche.). Die Mutter heuchelte Verzweiflung und Trauer und schickte nach Aigisthos; Aischylos Die Totenspende 734ff: AMME „Aigisthos schleunigst herzuholen heißt die Herrin mich. Die Fremden wünschen ihn zu sehn, daß deutlicher Von Mann der Mann den neuverkündeten Bericht Vernehme. Vor dem Hausgesinde sieht sie tief Bekümmert drein, doch innerhalb der Augen birgt Sich ein Gelächter, da die Dinge sich so schön Für sie gestalten, aber übel fährt das Haus, Der Kunde nach, die uns die Fremden genau erzählt. Und freilich wird auch sein Gemüt erheitert sein, Wenn er die Botschaft hört. …“ Aigisthos erschien und trat vor Orestes. Nur noch seine Schreie waren zu hören, Orestes erschlug ihn mit der Doppelaxt. Vom entsetzten Pförtner gerufen eilte Klytaimnestra herbei, sah den toten Aigisthos und erkannte Orestes; Aischylos Die Totenspende 892ff: ORESTES Du bist´s die ich suche. Dieser hat genug. KLYTAIMNESTRA Weh mir! Aigisths geliebte Kraft! Du bist dahin. ORESTES Liebst du den Mann? Im gleichen Grabe sollst du ruhn Mit ihm. Brich ihm die Treue auch im Tode nicht. KLYTAIMNESTRA Mein Sohn! Halt inne! Scheue diese Brust, mein Kind, Aus der du oft mit deinen Lippen, halb im Schlaf, Die Muttermilch gesogen, die dich wohl genährt. ……. ORESTES „……………………….. Folge mir. Als er noch lebte, zogst du ihn dem Vater vor. So schlafe auch mit ihm im Tode. Liebst du doch Nur ihn, und den du lieben solltest, hassest du.“ Klytaimestra wehrt sich heftig, will erklären, bittet, fleht, droht mit den Erinyen, den Rachegöttinnen – umsonst, Orestes schleppt sie zur Leiche des Aigisthos und erschlägt, wie sie einst Agamemnon erschlagen hat, mit der Doppelaxt die Mutter. .…. Obwohl ein Gott diesen Doppelmord befohlen hatte trieben die Erinyen seiner Mutter, die Göttinnen der Rache, die Personifizierung des schlechten Gewissens, Orestes in den Wahnsinn. Eine Reinigung in Delphi mit Stierblut nützte nichts. Zudem wurde er von seinem Großvater Tyndareos und seiner Halbschwester Erigone 2 wegen des Muttermordes angeklagt. Er wanderte wieder nach Delphi. Das Orakel des Apollon schickte ihn nach Athen, damit er sich auf dem Aeropag vor den athenischen Geschworenen verantworten könne. Nach langen Verhandlungen gab es bei den Geschworenen Stimmengleichheit. Die Vorsitzende des Gerichtes, Athene, die Göttin der Gerechtigkeit, entschied für Freispruch (Aischylos, Orestie, Teil 3, Die Eumeniden). Die damit entmachteten Erinyen verfolgten Orestes dennoch weiter und er drohte Apollon mit Selbstmord, wenn er ihn nicht endgültig von den Rachegöttinnen befreie. Apollon schickte ihn nach Taurien, um dort im Tempel der Artemis das zu Urzeiten vom Himmel gefallene Standbild der Göttin zu entwenden. Priesterin dieses Tempels war seine Schwester Iphigenie, die die blutig-grausame Aufgabe hatte, die Opferung von Menschen für die Göttin vorzubereiten. Bei den Taurern war es barbarischer Brauch, dass jeder fremde Mann der ihr Land betrat festgenommen und der Iphigenie zur Opferung im Tempel der Göttin Artemis übergeben wurde (Herodot überliefert, dass im 5. Jh. v. Chr. in Taurien noch Menschen geopfert wurden.). In einer feierlichen Zeremonie wurde den Bedauernswerten die Kehle durchschnitten und das rinnende Blut der Göttin geopfert. Die abgeschlagenen Köpfe zierten, auf Stangen aufgespießt, die Straßen der Stadt. Orestes und Pylades fuhren nach Taurien, schlichen in die Stadt und erschauderten beim Anblick des Schmuckes. Mit Entsetzen erkannten sie den mit Hellenenblut verschmierten Altar vor dem Tempel. Die Erinyen trieben Orestes endgültig in den Wahnsinn. Er stürzte mit dem Schwert in der Hand aus einem Versteck heraus und schrie – Euripides, Iphigenie bei den Taurern 285ff: „Erblickst du die da, Pylades? Gewahrst du nicht Die da, des Hades Schlange, die, mit Natternbrut Bewehrt, daherstürmt und mich Armen morden will? Und jene, die aus Schleiern Blut und Feuer schnaubt, Auf flügeln naht sie mir, die Mutter hoch im Arm, Die, eine Last aus Stein, sie auf mich werfen will. Weh mir! Sie tötet mich! Wohin soll ich jetzt fliehn?“ Blind vor Wahn stach er auf weidende Kühe ein. Nach einem harten Kampf nahmen Hirten Pylades und Orestes fest und brachten sie zu ihrem König Thoas. Der befahl die Opferung. Beide wurden Iphigenie überreicht; Iphigenie bei den Taurere336ff: DER HIRT „….. So herrliche Schlachtopfer mußt du, Jungfrau, stets Dir wünschen; denn wenn solche Fremdlinge Als Opfer bluten, dann büßt Hellas deinen Mord Und wird bestraft für das, was Aulis dir gebracht.“ Bei den Vorbereitungen zur Opferung erkannten sich die Geschwister, raubten das Standbild und entkamen mit List (Bei Goethe versöhnen sich die Geschwister und Pylades mit König Thoas und dürfen in Frieden ziehen.). Sie kehrten nach einigen Verwirrungen in die Heimat zurück. Das heilige Standbild wurde in Haliai oder Sparta aufgestellt. ….. In ihren „Iphigenie bei den Taurern“ erzählen Euripides und Goethe wie Bruder und Schwester sich wieder erkannten und mit der Statue der Artemis flüchteten. Zurückgekehrt glaubte ihre Schwester Elektra, dass Iphigenie eine Taurerin sei und Orestes umgebracht habe und wollte sie blenden. Im letzten Augenblick erschien Orestes und klärte Elektra auf. ….. Bis zu ihrem Lebensende war Iphigenie Priesterin des Apollon in Delphi oder der Artemis in Brauron. Im Jahre 1948 wurde nahe der antiken Stadt Brauron der Tempel der Artemis Brauronia ausgegraben. Einige Meter daneben wurde das Grabheiligtum der Iphigenie freigelegt. ….. Jede Phase der Tantalidensage wurde von den Schriftstellern, Komponisten und Opernlibrettisten in den letzten 2800 Jahren in vielen abweichenden Formen dichterisch frei erzählt, umgewandelt und den jeweiligen gesellschaftlichen Veränderungen angepasst; einige Beispiele: Dramen - Aischylos: Die Triologie Orestie – Agamemnon, die Totenspende, die Eumeniden. Euripides: Elektra, Iphigenie in Aulis, Iphigenie in Tauris. Sophokles: Elektra. Goethe: Iphigenie auf Tauris. Gerhard Hauptmann: Iphigenie in Aulis. Opern – Chr. Willibald Gluck: Iphigenie in Aulis, Iphigenie auf Tauris. Händel: Orest. Richard Strauss: Elektra. Auch in der bildenden Kunst ist seit 700 v. Chr. die Tantalidensage ein ewig sich wieder füllender unausschöpfbarer Fundus der Künstler.