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pyramos
PYRAMOS Gott des gleichnamigen Flusses in Kilikien, heute Djihan, aber auch Geihun genannt. Er erscheint ca. 425 v. Chr. erstmals auf Silbermünzen. Außergewöhnlich bei ihm ist, dass er bis zum Kaiser Caracalla, also über ca. 700 Jahre, in verschiedensten Darstellungen immer wieder auf Münzen, abgebildet mit anderen Göttinnen und Göttern, aber auch verschiedenen Kaisern und Angehörigen des Kaiserhauses, aufscheint. In einer in verschiedenen Variationen erzählten Sage ist Thisbe, die Tochter des Flussgottes Asopos 8, mit Pyramos verbunden. ….. Nikolaos erzählt die Geschichte der unglücklichen Liebe zwischen Thisbe und Pyramos. Thisbe, schwanger und verzweifelt, nahm sich das Leben und Pyramos folgte ihr. Voller Erbarmen verwandelten die Götter Pyramos in einen durch Kilikien fließenden Fluss und Thispe in eine Quelle, die sich neben Pyramos in das Meer ergießt – nun sind sie für ewig vereint. ….. Nonnos dürfte diese Geschichte als Vorbild gehabt haben als er Alpheios zu Pyramus sprechen ließ; Dionysiaka 6,338ff: „Gurgelnd ergoß sich, lebensträchtig, der Nil durch die sieben Mündungen, traf dabei auf den elend verliebten Alpheios. Jener gedachte fruchtbares Land zu durchströmen und seine schmachtende Braut zu erfreuen mit feuchtigkeitsspendenden Küssen. Dieser hatte den altgewohnten Seeweg verloren, schleppte verdrossen sich hin. Da sah er den anmutig-schönen Pyramos neben sich fließen und rief die folgenden Worte: »Nil, was vermag ich zu tun? Ganz spurlos verschwand Arethusa! Warum so eilig, mein Pyramos? Wem überließest du deine Thisbe? Beglückt der Euphrat, ihn trafen noch nicht die Eroten! Eifersucht quälen und Furcht mich zugleich. Denn der Meereskronide schlief schon vielleicht bei der lieblichen Braut Arethusa. Ich fürchte, daß er in diesen Güssen auch deine Thisbe verführt hat. Pyramos, Trost für Alpheios, die Zeusflut stachelt uns beide weniger als das Geschoß der schaumgeborenen Göttin. Folg mir Verliebtem, meinem syrakusanischen Mädchen werde ich nachspüren, du, mein Pyramos, suche die Thisbe! Einwenden wirst du, es bebe die Erde, uns grolle der Himmel, grausam bedränge das Meer uns, und ohne befahrbare Bahnen schwelle der Äther sogar in schaumübersprudelter Strömung. Doch mich beeindruckt gar nicht die rasende Sintflut.Welch Wunder: Während der Regen des Zeus die brennende Erde, die hellen Flammen des Meeres, die Flüsse auch reinwusch, konnte er dennoch nicht den Alpheios befreien vom nichtigen Flämmchen der Kypris! Trotzdem, bedrängt mich die Flut und verursacht mir Qualen das Feuer, bleibt mir ein kleines Mittel doch gegen den Kummer: Umherirrt auch der hübsche Adonis und läßt Aphrodite sich grämen!« [Nonnos: Leben und Taten des Dionysos. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 8204 (vgl. Nonnos-W Bd. 1, S. 107 ff.) (c) Aufbau-Verlag] ….. Die berühmteste Fassung ist wohl die des Ovid met. 4,55-166, nur, er verlegt die Geschichte nach Babylon: »Thisbe und Pyramus einst, der Jünglinge schönster der eine, Hoch die andre berühmt vor allen den Mädchen im Osten, Wohnten als Nachbarn dort, wo die prächtige Stadt nach der Sage Hatte Semiramis rings mit Backsteinmauern umgeben. Umgang brachte zuweg und vertrautes Gewöhnen die Nähe; Liebe erwuchs mit der Zeit, doch Hochzeitsfackeln versagte Ihnen der Väter Verbot. Eins konnte ihr Machtwort nicht hindern: Beider Gemüt war gleich entzündet von heißem Verlangen. Jeglicher Zeuge ist fern. Sie reden mit Winken und Zeichen, Und je enger beschränkt, je mächtiger lodert die Flamme. Von kaum merklichem Riß, den schon beim Bau sie bekommen, War die gemeinsame Wand der beiden Häuser durchspalten. Dieses Gebrechen, erkannt noch nie seit Reihen von Jahren, Ward - was merkt nicht Liebe? - zuerst euch Liebenden sichtbar, Dann als Weg für die Stimme gewählt, und in leisem Geflüster Pflegten verstohlen hindurch zu gehn liebkosende Worte. Oft, wenn sie standen davor, hier Thisbe, Pyramus drüben, Und ein jedes den Hauch auffing von des anderen Munde, Sprachen sie: 'Neidische Wand, was bist du der Liebenden Hemmnis? Wieviel hätt es bedurft, daß ganz du uns ließest vereint sein Oder, wenn dieses zuviel, uns Raum doch gäbest zum Küssen! Doch nicht weigern wir Dank. Dir sind wir mit Freuden erkenntlich, Daß zu befreundetem Ohr du Durchgang gewährest den Worten.' Wenn, voneinander getrennt, sie solches vergeblich geredet, Sagten sie gegen die Nacht Lebwohl und gaben ein jedes Küsse der trennenden Wand, die nicht hinübergelangten. Früh nun hatte verscheucht die nächtlichen Leuchten Aurora Und das betauete Gras mit Strahlen die Sonne getrocknet, Als der gewohnete Ort sie vereint. Mit leisem Geflüster Klagen sie lang und beschließen sodann, die Hüter zu täuschen Mitten in schweigender Nacht und sacht aus der Türe zu schleichen, Wenn sie entkommen dem Haus, die Gebäude der Stadt zu verlassen, Dann, daß draußen sie nicht fehlgingen im weiten Gefilde, Beide zu kommen zum Grabe des Ninus und sich zu verbergen Unter dem schattigen Baum. Dort ragte, beladen mit weißen Früchten, ein Maulbeerbaum ganz nahe bei kühlendem Borne. So ist's bestimmt, und das Licht, das langsam schien zu entweichen, Sinkt in die Wogen hinab, und die Nacht steigt auf aus den Wogen. Sacht dreht Thisbe die Tür in der Angel und schlüpft in dem Dunkel Leise hinaus, von keinem bemerkt; und verhüllet das Antlitz, Langt bei dem Hügel sie an und setzt an dem Baume sich nieder. Liebe machte sie stark und beherzt. Da naht eine Löwin, Frisch von dem Morde der Rinder befleckt den schäumenden Rachen, Daß sie lösche den Durst im nahen Gewässer der Quelle. Diese gewahrte von fern im Mondschein Babylons Tochter Thisbe und floh mit ängstlichem Fuß zur finsteren Höhle; Aber sie ließ auf der Flucht das Gewand entfallen dem Rücken. Als die Löwin, die wilde, den Durst an der Quelle gestillt hat, Findet sie auf dem Weg zum Walde zwar nicht die Jungfrau, Aber das dünne Gewand und zerfetzt es mit blutigem Maule. Später entschritten dem Haus, nimmt wahr in dem lockeren Sande Sichere Spuren des Tiers und erblaßt im ganzen Gesichte Pyramus. Als er das Kleid auch findet, vom Blute gerötet, Spricht er: 'Dieselbige Nacht wird Tod zwei Liebenden bringen; Ach, und die Würdigste war doch sie vieljährigen Lebens! Ich nur trage die Schuld; ich habe dich, Ärmste, gemordet, Der ich kommen dich hieß bei Nacht an grausige Stätte Und als der spätere kam. Reißt unseren Körper in Stücke, Und mit dem grimmen Gebiß zehrt auf die verruchten Geweide, All ihr Löwen zumal, die ihr haust hier unter dem Felsen! Aber den Tod nur wünschen ist feig.' Und die Hülle der Thisbe Hebt er vom Boden und nimmt sie mit in den Schatten des Baumes. Als dem bekannten Gewand er Tränen gegeben und Küsse, Spricht er: 'Empfange denn nun auch unseres Blutes Beströmung'; Und er versenkt in die Weichen den Stahl, mit dem er gegürtet; Rasch dann zieht er ihn sterbend heraus aus der blutenden Wunde. Hochauf spritzte das Blut, wie er rücklings lag auf dem Boden, Ähnlicher Art, wie wenn die beschädigte bleierne Röhre Aufplatzt und mit Gewalt weithin feinstrahliges Wasser Schleudert aus zischendem Loch und die Luft wegdrängt mit dem Schusse. Von dem bespritzenden Blut gehn über die Früchte des Baumes Plötzlich in schwarze Gestalt, und die Wurzel, vom Blute befeuchtet, Tränkt sie mit purpurnem Saft und färbt die hangenden Beeren. Sieh, da kehrt, noch bang, um nicht den Geliebten zu täuschen, Thisbe zurück und sucht mit Augen und Herzen den Jüngling, Ihm, wie großer Gefahr sie entging, zu erzählen begierig. Während den Ort sie erkennt und den Baum, dessen Form ihr vertraut schien, Macht sie die Farbe der Frucht doch irr: Ob dieser es wäre, Stutzte sie. Zweifelnd im Sinn, sah zuckende Glieder sie plötzlich Schlagen den blutigen Grund, und zurück wich ihr Fuß, und im Antlitz Wurde sie bleicher als Buchs und schauderte ähnlich dem Meere, Welches erbebt, wenn leicht hinstreift an dem Spiegel ein Lufthauch. Aber sobald sie erkannt nach kurzem Verzug den Geliebten, Schlägt sie mit hallendem Streiche die schuldlos leidenden Arme. Rauft sich das Haar und umschlingt den teueren Leib, und die Wunde Füllt mit Tränen sie an und mischt mit dem Blute der Zähren Heißen Erguß und bedeckt mit Küssen das eisige Antlitz. 'Pyramus', jammerte sie, 'was raubte dich mir für ein Schicksal? Pyramus, rede zu mir! Sieh, deine geliebteste Thisbe Nennet dich. Höre mich doch und erhebe das liegende Antlitz!' Als sie 'Thisbe' gesagt, schlug wieder die brechenden Augen Pyramus auf und schloß, wie er Thisbe geschaut, sie für immer. Jetzo gewahrt sie ihr eignes Gewand und die elfene Scheide Ohne das Schwert. 'Dein Arm, Unglücklicher', ruft sie, 'und Liebe Haben den Tod dir gebracht. Auch mir ist der Arm zu dem einen Stark: auch mir wird Kraft zu Wunden verleihen die Liebe. Ja, dir folg ich im Tod; dann heiß ich deines Verderbens Grund und Begleiterin auch, und den allein mir entreißen Konnte der bittere Tod, soll Tod auch nicht mir entreißen. Um dies einzige nur seid noch von uns beiden gebeten, O von mir und von ihm, ihr so unglücklichen Väter: Uns, die entschlossene Lieb in der Stunde des Todes vereinte, Uns mißgönnet es nicht, beisammen zu ruhen im Grabe. Baum, der du jetzt die beklagenswerte Leiche des einen Deckst mit deinem Gezweig, bald deckst von zweien die Leichen: Wahre die Zeichen der Tat und behalte für immer der Trauer Ziemende dunkele Frucht als Mal zwiefältigen Mordes.' Sprach's, und unter die Brust sich stemmend die Spitze des Schwertes, Stürzte sie sich in den Stahl, der noch von dem Morde gewärmt war. Aber es rührt' ihr Wunsch die Götter und rührte die Eltern. Denn, wenn ganz sie gereift, ist schwarz an den Beeren die Farbe, Und was die Flammen verschont, das ruht in gemeinsamer Urne.« [Ovid: Verwandlungen (Metamorphoses). Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 12634 (vgl. Ovid-W Bd. 1, S. 82 ff.) (c) Aufbau-Verlag] ………………… In der Malerei war die Pyramos-Thisbe-Sage einbeliebtesThema; z. B. das Gemälde im Haus des Loreius Tiburtinus in Pompei.